1. NRW
  2. Städte
  3. Neuss

Neuss: Handball-Weltmeisterin Gabi Palme unterrichtet in der Realschule Holzheim

Realschule in Neuss : Unterricht bei einer Weltmeisterin

An der Realschule Holzheim unterrichtet eine Handball-Weltmeisterin. Gabi Palme gehörte 1993 zur Siegermannschaft.

Eigentlich hatte sie schon einen Schlussstrich unter ihre Nationalmannschafts-Karriere gezogen. Zu groß war die Enttäuschung nach den Olympischen Spielen im Jahr 1992, als  Gabi Palme mit der Deutschen Handball-Nationalmannschaft in Barcelona als absoluter Favorit ins Turnier startete – und sich am Ende mit dem vierten Platz begnügen musste. Die bittere Erkenntnis: Man hatte zwar die besten Einzelspieler, aber die Kombination zwischen Trainer und Team funktionierte nicht. Doch als plötzlich Lothar Doering in der Frauen-Handball-Nationalmannschaft das Sagen hatte, änderte Gabi Palme, die flinke und giftige Flügelspielerin, ihre Meinung und ließ sich am Telefon zur Rückkehr überreden. Schließlich stand 1993 eine Weltmeisterschaft vor der Tür – die einen Verlauf nehmen sollte, mit dem keiner gerechnet hatte.

Gabi Palme mit der Goldmedaille von der WM 1993 (links) und der Bronzemedaille von der WM 1990 in Südkorea. Foto: Andreas Woitschützke

Heute, rund 27 Jahre später, ist Gabi Palme Lehrerin für Sport und Geschichte an der Realschule Holzheim. Nur rund zehn Prozent ihrer Schüler wissen, dass die 55-Jährige deutsche Sportgeschichte geschrieben hat. „Es ist nicht ihre Art, das an die große Glocke zu hängen“, sagt Schulleiter Wolfgang Spangenberger.

Doch zurück ins Jahr 1993. Mit einem von Verletzungen geplagten Team ohne Selbstbewusstsein reiste Gabi Palme mit ihren Mitspielerinnen zur WM nach Norwegen. „Ein gigantisches Event“, sagt sie. Schließlich war der Frauen-Handball in dem skandinavischen Land zu der Zeit hinter den Wintersportarten noch die Sportart Nummer eins. „Die Konkurrenz hat uns als klaren Außenseiter eingestuft“, sagt die 55-Jährige. Doch sie sollten sich täuschen. Die Deutschen verfügen diesmal zwar bei weitem nicht über die besten Einzelspieler, doch agieren als Team so homogen, dass sich die gegnerischen Teams an ihnen reihenweise die Zähne ausbeißen. „Wir wollten uns einfach beweisen, dass 1992 ein Ausrutscher war“, sagt Gabi Palme. Bereits nach dem Sieg gegen Österreich – das finale Gruppenspiel, das den Weg ins Finale ebnete – kannte der Jubel keine Grenzen mehr. Doch am Tag nach dem Endspiel am 5. Dezember sollten die Zeitungen vom „Wunder von Oslo“ schreiben.

Die letzten Minuten sind pure Dramatik. Kurz vor Schluss trifft Sybille Gruner per Siebenmeter zum 17:17, den letzten dänischen Wurf wehrt Torhüterin Sabine Adamik ab. Nun muss erstmals in der Geschichte von Frauen-Handball-Weltmeisterschaften eine Verlängerung über Gold und Silber entscheiden. Gabi Palme erinnert sich noch gut an die letzten Momente des Herzschlag-Finals: Plötzlich führt Deutschland mit 22:21. Die dänische Star-Spielerin Anja Andersen hat die Chance zum Ausgleich – und scheitert an der deutschen Torhüterin. Sekunden später ist das „Wunder von Oslo“ Realität. „Wir haben bis in die Morgenstunden gefeiert und sind direkt von der Bar zum Flughafen gefahren“, erinnert sich die gebürtige Staßfurterin (Sachsen-Anhalt). Einen kleinen Wermutstropfen musste sie jedoch verkraften: „Die Medaille ist nicht wirklich schön“, sagt sie lachend.

Gabi Palme begann bereits mit sechs Jahren mit dem Handballspielen. „In der DDR haben wir uns über Sport definiert“, erinnert sie sich. Von 1970 bis 1983 spielte sie zunächst in Förderstedt, von 1984 bis 1985 dann in der Studentenmannschaft der Pädagogischen Hochschule Magdeburg in der zweiten Liga. Zwar wurde ihr Talent bereits früh erkannt, für die Sportschule war Gabi Palme allerdings aus einem aus heutiger Sicht befremdlichen Grund nicht geeignet. „Wegen meiner West-Verwandtschaft bestand Fluchtgefahr. Und mit der Förderschule ist man schließlich auch im Ausland unterwegs“, sagt sie. Doch nach einer Gesetzesänderung im Jahr 1985 war ihr Weg dann frei an die Handball-Spitze: Sie wechselte zum SC Magdeburg in die erste Liga und wurde nur ein Jahr später Nationalspielerin – der Rest ist Geschichte.