Neuss: Goldschmied wird mit 55 Jahren Kita-Erzieher

Mit 55 Jahren eine zweite Karriere : Ein Neusser Goldschmied wird zum Kita-Star

Burkhardt Mühlbauer hat mit 52 Jahren noch einmal eine Ausbildung angefangen und jetzt als Jahrgangsbester abgeschlossen. Bei der Lukita gab man dem Berufsanfänger gleich einen Job mit Leitungsfunktion.

So ein Zeugnis hat Marco Nicolai, Geschäftsführer der Kindertagesstätten LuKiTa, die zum Neusser Sozialkonzern Lukaskrankenhaus gehören, bislang nicht gesehen: 14 Mal die Note „Sehr gut“ steht auf dem Abschlusszeugnis von Burkhardt Mühlbauer. Als Jahrgangsbester hat er am Berufskolleg in Krefeld seine Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher abgeschlossen und jetzt die Leitung einer Gruppe in der Kita „Kleine Welt“ an der Wingender Straße übernommen.

Doch damit nicht genug der außergewöhnlichen Details in Mühlbauers Lebenslauf: Der 55-Jährige ist eigentlich Goldschmied. Zunächst arbeitete der gebürtige Neusser, der am Quirinus-Gymnasium sein Abitur gemacht hat, als Goldschmied-Geselle. Dann entschied er sich, Sonderpädagogik in Köln zu studieren. „Allerdings habe ich mein Studium abgebrochen, als unsere Tochter zur Welt kam“, erzählt Mühlbauer. Als später die beiden Söhne geboren wurden, kümmerte er sich um Familie und Haushalt. „Denn meine Frau hatte als Buchhalterin mehr verdient.“

Als Quereinsteiger jobbte er auf Honorarbasis in verschiedenen Erziehungsbereichen: Sprachförderung, Kita, Jugendwohnheime. Dann folgte die Scheidung, und Mühlbauer war plötzlich alleinerziehender Vater von drei Kindern. Er arbeitete in Teilzeit, erhielt Unterhalt von seiner Ex-Frau. „Eigentlich war es die typische weibliche Sackgasse – nur eben umgekehrt“, sagt er. Mehrfach habe er beim Arbeitsamt nachgefragt, ob er eine Umschulungsmaßnahme zum Erzieher machen kann. „Doch das wurde abgelehnt mit der Begründung, ich würde ja arbeiten.“

Als erneut ein befristeter Vertrag auslief und die Arbeitslosigkeit drohte, wurde dann doch die Umschulung bewilligt, da er als Goldschmied als schwer vermittelbar galt. Nahezu zeitgleich mit seinem  Sohn startete er seine Ausbildung. Er als 52-Jähriger zum Erzieher, sein 18-jähriger Sohn zum Chemisch-Technischen Assistenten.

Zwei Jahre lang drückte er die Schulbank im Berufskolleg, lernte die Theorien zu den Situationen, die er bereits aus der Praxis kannte. Etwa 800 Euro erhielt er in dieser Zeit. „Das war schon knapp, aber ich hatte extra dafür angespart.“ Das dritte Jahr der Ausbildung absolvierte er im Rahmen des Berufspraktikums in der LuKiTa „Kleine Welt“.

Die Ausbildung habe sich in mehrfacher Hinsicht gelohnt, so Mühlbauer. Er habe jetzt fundierte Kenntnisse beispielsweise hinsichtlich pädagogischer Arbeit oder der Zusammensetzung sozialer Gruppen. „Vorher habe ich eher aus dem Bauch gehandelt.“ Zudem habe er nun seine Ausbildung abgeschlossen und erhalte ein sicheres Gehalt. „Ich kann nur jedem, der in einer ähnlichen Situation ist, dazu raten. Der Beruf ist toll, und als Erzieher findet man problemlos Jobs. Zudem sind Männer sehr gefragt.“

Angebote hatte er zum Ausbildungsende von mehreren Trägern. Daher habe Geschäftsführer Nikolai keine Sekunde gezögert, Mühlbauer eine unbefristete Anstellung – auch gleich als Gruppenleiter – anzubieten. „Wir kannten ihn ja bereits und hätten ihn gerne schon nach Auslaufen des Sprachförderungsprogramms behalten“, so Nikolai. Zudem würden sich viele Einrichtungen freuen, einen Mann als Erzieher zu haben. Denn dies ist ein weiteres außergewöhnliches Detail in Mühlbauers Vita: Bislang ist er der einzige Erzieher in der LuKiTa „Kleine Welt“.

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