1. NRW
  2. Städte
  3. Neuss

Neuss: Gerd Faruß bereist die Welt mit dem Fahrrad

Neusser Gerd Faruß reist durch Europa : So weit die Räder tragen

Jedes Jahr reist der fast 80 Jahre alte Gerd Faruß aus Neuss mit seinem Rad für mehrere Wochen durch Europa. Von der Erfüllung, die Welt zu sehen.

 Gerade befindet sich Gerd Faruß mal wieder auf großer Fahrt – irgendwo in den Schweizer Alpen zwischen Rheinquelle und Luzerner See. Fast zwei Wochen ist es jetzt her, dass er mit dem Fahrrad von Neuss aufgebrochen, immer am Rhein entlang, mal auf deutscher, mal auf französischer Seite gefahren ist, bis zum Bodensee und durch die Schweiz. Zwei weitere Wochen sollen folgen. „Ich bin mir noch nicht ganz sicher, wo es mich hinträgt. Vielleicht fahre ich runter nach Frankreich, an der Rhone entlang und bis zum Mittelmeer“, sagt Faruß, schließlich könne er dann auf dem Weg in Lyon einen seiner Söhne besuchen, der dort lebt.

So ziemlich jede Ecke Europas hat der 79-jährige Neusser schon mit dem Fahrrad bereist. Noch immer ist er jedes Jahr mehrere Wochen mit Zelt und Campinggeschirr in den Satteltaschen auf zwei Rädern unterwegs. Im Juli wird Gerd Faruß 80. Er sagt: „Fahrradfahren ist ein Stück meines Lebens.“ Was Faruß schon seit den 80er Jahren betreibt, liegt heute im Trend – nicht zuletzt, weil die Möglichkeiten in der Corona-Pandemie eingeschränkt sind. Eine Fahrradreise ist immer noch die risikoärmste Art, Urlaub zu machen. „Bikepacking“, heißt das im Fachjargon.

  • Die Zählstelle am Mannesmannufer registriert stets
    Mobil in Düsseldorf : Warum 2021 weniger Fahrrad gefahren wird
  • Bei der Aktion in Weeze testeten
    Aktionen in Weeze und Kevelaer : Aufs Fahrrad wird mehr Gewicht gelegt
  • Morgen wäre er 100 Jahre alt
    Vor 100 Jahren erste HNO-Praxis in Neuss : Grevers – Neusser Familie schreibt HNO-Geschichte

Wurde Gerd Faruß früher immer von seiner Frau Agnes begleitet, erfreut sie sich nun lieber an ihrem Kleingarten. Er geht daher alleine auf Tour. Doch darin liegt für ihn eine große Erfüllung: Ganz bei sich zu sein und mit allen Sinnen die Schönheit der Natur wahrzunehmen. Die Landschaften, deren Vegetation selbst in Europa so vielfältig und unterschiedlich sein könne. Die Auen entlang der Flüsse, an denen er am liebsten fährt. Die Donau, die Loire, den Rhein, die Elbe, die Ruhr, die Maas – sie alle hat er schon abgefahren. Wiesen, Felder, Täler, Berge, Seen, Küsten und Meere: Man bekomme so viel von der Welt zu sehen, wenn man mit dem Rad unterwegs sei und bewege sich auch noch dabei, sagt Faruß: „Ich genieße das wirklich, man hat eine bestimmte innerliche Ruhe.“

 Stark beladen war Faruß während seiner großen Ostsee-Tour, die ihn bis ins polnische Danzig führte. Mit der Zeit habe er gelernt, mit weniger auszukommen. 
Stark beladen war Faruß während seiner großen Ostsee-Tour, die ihn bis ins polnische Danzig führte. Mit der Zeit habe er gelernt, mit weniger auszukommen.  Foto: Gerd Faruß

Auch der Kultur und den Menschen eines Landes könne man sich auf dem Rad am besten nähern, findet er. „Das Schöne ist: Wenn ich an besonderen Gebäuden vorbeikomme, dann halte ich einfach davor an.“ Ganz ohne Zeitdruck oder Verpflichtungen. Immer wieder rastet er in Dörfern oder Städten, setzt sich dann in ein Café und kommt mit anderen Menschen ins Gespräch. „Richtig alleine bin ich nie. Ich habe auf jeder meiner Reisen schöne Begegnungen“, sagt er. Besonders außerhalb Deutschlands, „sind die Menschen unglaublich gastfreundlich und aufgeschlossen“. So hätten ihn in Frankreich und Italien schon häufig Einheimische auf ein Glas Wein und eine Mahlzeit eingeladen, wenn sie ihn abgekämpft am Wegesrand sitzen sahen.

Seit er mit 60 seinen Job als Mechaniker beim Hüttenhersteller SMS Siemag in Düsseldorf aufgab und in Rente ging, hat Faruß seine Radreisen intensiviert. Vor 13 Jahren ging es die Adriaküste hinunter bis in den Stiefel Italiens, vor einigen Jahren an der Ostseeküste entlang bis ins polnische Danzig, einmal von Estland über Lettland, Litauen nach Polen. Ein paar Brocken polnisch habe er sich noch bewahrt, sagt er. Niederländisch könne er besser. Einheimische würden einem ganz anders begegnen, wenn man versuche, ihre Sprache zu sprechen.

Auf seine für ihn prägendste Reise begab sich Faruß vor zehn Jahren. Von der Quelle in Baden-Württemberg aus fuhr er die gesamte Donau entlang, 3000 Kilometer durch sieben Länder bis zur Mündung im Schwarzen Meer. Ein Reiseführer, mit dem er noch heute seine Routen und Übernachtungen auf Campingplätzen plant, warnte ihn vor dem Balkan und vor allem vor Rumänien, das Land, durch das fast ein Drittel der Route führte. Man werde dort schnell ausgeraubt, wenn man alleine unterwegs sei, hieß es.

„Das sind Vorurteile, ich habe in Rumänien eine Freundlichkeit wie nirgendwo sonst erlebt“, betont Faruß. Man müsse offen für andere Menschen und Kulturen sein. Immer wieder habe man ihn zum Essen eingeladen, ihm angeboten, sein Zelt vor einer Kirche oder im Garten aufzubauen, ihm Wasser zum Waschen gebracht. Nur einmal, als eine serbische Kioskbesitzerin ihm keine Telefonkarte verkaufen wollte, sei er auf Ablehnung gestoßen. Sie war wegen des Kosovokriegs auf Deutsche nicht gut zu sprechen.

In all den Jahren ist Faruß nur einmal schwer gestürzt, hat sich das Schlüsselbein gebrochen, sonst ist nie etwas passiert. Wind und Wetter zu trotzen, sei auch eine Frage der Gewohnheit – und der richtigen Kleidung, findet er. Noch immer besitzt er einen Führerschein und ein Auto, lässt es im Alltag aber meist stehen. Mittlerweile habe er mehr Kilometer mit dem Rad in den Beinen als auf dem Autotacho.

„Jede Tour hat meinen Horizont erweitert“, sagt Faruß. Wie lange er noch durch die Welt radeln möchte? „Bis es nicht mehr geht“, betont er, „nur noch“ 80 bis 100 Kilometer fahre er täglich, plane nicht mehr weit voraus, sagt aber: „Ich fühle mich gut.“ Soweit die Räder eben tragen.