Off-Theater in Neuss „Clownsein ist eine Haltung“

Neuss · An den jecken Tagen mischen sich viele Clowns unter die Feiernden. Wie ist das für jemanden, der das ganze Jahr über freiberuflich als Clown unterwegs ist? Florian Thelen vom Off-Theater in Neuss verrät es und erzählt, warum ein Clown nicht unbedingt eine rote Nase braucht.

 Eigentlich ist Florian Thelen Lehrer, viel Zeit widmet er aber auch seiner Leidenschaft – dem Clownsein.

Eigentlich ist Florian Thelen Lehrer, viel Zeit widmet er aber auch seiner Leidenschaft – dem Clownsein.

Foto: Thomas Aring

Mit bunten Perücken, roten Nasen und schrägen Anzügen mischen sich in jecken Tagen dutzende Clowns unter die Feiernden auf den Straßen. „Total super“, findet Florian Thelen den Anblick all der Jecken, „Karneval an sich hat ja etwas sehr Clowneskes.“ Doch ob hinter jeder Verkleidung auch ein echter Clown steckt, kann Thelen nicht sagen. Denn dazu gehöre viel mehr als nur ein Kostüm.

Thelen muss es wissen, schließlich ist er als freiberuflicher Clown im Einsatz, bietet entsprechende Workshops im Off-Theater NRW mit Sitz in Neuss an und ist auch als Klinikclown in Köln aktiv.  „Damals habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, mich noch einmal anders ausdrücken zu können“, erzählt Thelen, der hauptberuflich als Lehrer in Düsseldorf arbeitet. Einmal habe er Clowns beobachtet, die durch eine Menschenmenge gegangen sind und sich unglaubliche Sachen erlauben durften. „Das fand ich total spannend“, erzählt er. „Die Clowns waren auch überhaupt nicht bunt, viele denken ja gleich an den schrillen Zirkusclown. Es war vielmehr so, dass sie über das Alltägliche hinausgegangen sind, es fand eine Art Grenzüberschreitung statt, mit der aber alle Seiten einverstanden waren und Spaß daran hatten.“

Florian Thelen arbeitet freiberuflich als Clown im Kleinkunstbereich und als Klinikclown. Er meint: Die Fähigkeiten, die er sich als Clown aneignen musste, sind auch für den Alltag hilfreich.   Foto: Peter Joester

Florian Thelen arbeitet freiberuflich als Clown im Kleinkunstbereich und als Klinikclown. Er meint: Die Fähigkeiten, die er sich als Clown aneignen musste, sind auch für den Alltag hilfreich. Foto: Peter Joester

Foto: Peter Joester

Das ist nun gut sieben Jahre her. Seitdem hat Thelen einiges gelernt und entdeckt, wie vielfältig die Welt der Clownerie ist. „Da ist eigentlich für jeden etwas dabei“, meint er. So habe er einmal einen Kursus bei der Australierin Petra Linn besucht. Sie beschäftigt sich zum Beispiel auch mit Clowns im Zusammenhang mit dem Tod – und anderen Situationen, die nicht an Clowns denken lassen.  „Die Frage ist: Wie ist es möglich, in Momenten des Grauens und des Schreckens Komik zu erzeugen?“, sagt Thelen. „Damit ist nicht gemeint, dass man über das Leid lacht, sondern dass man einen Weg findet, mit dem Leiden (dieser Welt) umzugehen. Das ist aber nur ein ganz spezielles Thema der Clownerie.“ Ansonsten gäbe es den lieben Clown, der etwa eine Blume hervorzaubert, den Action-Clown, der ständig über seine eigenen Füße stolpert, den Bühnenclown oder auch klassische Clowns-Nummern, bei dem einer die Ansagen macht und der andere alles verbockt. „Interessanterweise ist er häufig der Klügere“, sagt Thelen.

Ein wichtiger Einfluss, aus dem sich die Clowns-Figur entwickelt hat, war der Narr im Mittelalter. „Er war damals der einzige, der dem König unverblümt sagen konnte, wenn etwas nicht so gut läuft“, erzählt er, „er wurde so  gewissermaßen auch sein Berater.“ Daraus sei allmählich jene Figur hervorgegangen, die sich gegen die Obrigkeit stellt, die Dinge in Frage stellt und den Finger in die Wunde legt. Ist ein Clown also immer auch ein Kritiker? „In erster Linie verbinde ich mit dem Clownsein eine bestimmte Haltung“, meint Thelen, „dafür braucht man auch kein Kostüm und keine rote Nase. In Großbritannien treten viele Kleinkünstler als Clown auf, die all das nicht haben.“

Stattdessen gehöre zu seinen Aufgaben, einen Kontakt zu seinen Mitmenschen herzustellen, ohne sich dabei in den Vordergrund zu stellen. Ein Clown gehe offen auf Situationen zu, er lebe im Moment und setze sich mit seinen eigenen Unzulänglichkeiten auseinander, mache sich verletzlich. „Das Scheitern ist ein wichtiger Aspekt“, meint Thelen.

Das könnte man auch auf den Alltag übertragen: „Man kann sich darüber ärgern, wenn ein Wasserglas auf den Boden fällt – oder es mit Humor sehen. Mit dieser Haltung wird das Leben allgemein leichter, weil das Scheitern und Probleme plötzlich keine Monster mehr sind, die uns angreifen und überwältigen. Unsere eigenen Unzulänglichkeiten werden plötzlich klein und nichtig – wir können gemeinsam darüber lachen und müssen sie nicht angestrengt vor anderen verstecken.

Die Clowns-Haltung lasse sich erlernen. „Clowns entdecken die Welt mit den Augen der Kinder, ohne ein Kind zu sein“, erzählt er. „Wer diese Befreiung einmal für sich entdeckt hat, wird viele Dinge im Leben leichter nehmen können. Kinder sind offen, staunen und begeistern sich für Kleinigkeiten. Gleichzeitig sagen sie ziemlich direkt, was sie denken. Erwachsene haben sich da oft schon einen Panzer zugelegt, sie haben sich angewöhnt, ihre Gefühle und Fehler zu verstecken, um sich nicht verletztlich zu zeigen.“

Die Workshops setzen dabei an, das Verhaltensmuster wieder aufzubrechen. In London hatte Thelen so einmal einen Workshop belegt, bei dem es darum ging, 20 Menschen stumm in die Augen zu sehen und darüber einen intensiven Kontakt zu jeder Person herzustellen. „Die ersten Minuten waren der Horror, man macht sich über alles mögliche Gedanken und stellt sich selbst in Frage“, sagt er. „Doch wenn man das einmal abgelegt hat, ist es befreiend.“

Neben solchen Übungen würden angehende Clowns auch viel über Improvisation lernen und Übungen, um die eigene Kreativität herauszukitzeln. Techniken wie Jonglieren oder andere Kunststücke seien da eher zweitrangig.

So gehe es ihm bei seinem Einsatz als Klinikclown auch nicht darum, eine feste Show zu liefern. „Wenn ich an die Tür der Patienten und Patientinnen klopfe, habe ich noch keinen Plan, was ich machen werde. Das ergibt sich alles aus der Situation heraus“, sagt er. Manchmal seien es auch die Eltern, die dankbar für die Aufmunterung sind.

 Clownprojekt Florian Thelen Off-Theater Neuss im Gespräch mit der NGZ über das Dasein als Clown

Clownprojekt Florian Thelen Off-Theater Neuss im Gespräch mit der NGZ über das Dasein als Clown

Foto: Dirk Kringer

Dass sich Menschen vor Clowns fürchten, hat er noch nie erlebt. „Ich denke, dass die Horrorfilme viel dazu beitragen, dass es das Bild dieses Grusel-Clowns gibt“, meint er. „Es kann aber auch sein, dass jemand einmal eine schlechte Erfahrung gemacht hat, zum Beispiel, wenn der Clown nicht erkannt hat, wo die Grenzen seines Gegenübers liegen.“

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