Neuss: Facebook-Notiz löst Erinnerungen an alte Kinos aus

Kino-Geschichte : Erinnerung an die Neusser Lichtspiel-Paläste

Eine Programmanzeige aus dem Oktober 1966, veröffentlicht auf Facebook, sorgt in Neusser Netzwerken für Gesprächsstoff.

Für den 53. Geburtstag von Markus Wolf hatte einer der Gäste NGZ-Ausgaben aus dem Oktober 1966 aufgetrieben. Ein Geschenk zum Stöbern. Dabei stieß das Geburtstagskind über die Kinoreklame, postete diese auf der Facebook-Seite „Du bist Neusser, wenn...“ mit dem Hinweis „...du diese Kinos noch kennst“ – und rief damit viele Erinnerungen wach. Hunderte Leser reagierten, mehr als 80 sogar mit einem Kommentar. Allgemeiner Tenor: Wehmut.

Für das Jahr 1897 sind erste Filmvorführungen in Neuss belegt, am 23. November 1907 eröffnete mit dem „Biotophon-Theater“ an der Oberstraße das erste Kino, das zum Programmstart neun Kurzfilm-Schnipsel zeigte, angekündigt als „lebende Photografien“. Noch einmal gut ein Jahrzehnt später eröffnete der Schausteller Carl Georg Wieczorek das „Gloria-Filmtheater“, das 1950 in das Gebäude an der Niederstraße umzog, in dem heute die Deutsche Bank residiert. Unter den zeitweilig sieben Kinos alleine in der Innenstadt war das Gloria mit 1000 Plätzen das größte – und ein richtiger Lichtspiel-Palast. Im ersten Bau gab es nicht nur Samtsessel, sondern auch noch einen Orchestergraben. „Kinos mit Flair und zu einem Preis, den man sich noch vom Taschengeld leisten konnte“, schreibt Brigitte Karger auf Facebook.

Im Oktober 1966 lief dort im Hauptprogramm „17 Jahr, blondes Haar“. Ein Musikfilm mit Joachim „Blacky“ Fuchsberger und Udo Jürgens. Drei Vorstellungen täglich. Ilonka Spielberg aber verbindet mit dem Haus eher die Kindervorstellungen am Sonntag – „mit Eiskonfekt und Happen““ – die sie gelegentlich auch im „Adler“ besuchte.

Kinoprogramm im Oktober 1966. Foto: Markus Wolf

Michael Hutmacher sah in diesem Kino mit seiner ersten Freundin die West-Side-Story, wie er schreibt. Im Oktober 1966 aber lief dort ein anderer Straßenfeger: „Der Bucklige von Soho“, angekündigt als der erste Edgar-Wallace-Film in Farbe. Am 19. Januar 1950 war das 600 Zuschauer fassende „Adler“ mit dem Film „Verspieltes Leben“ mit Brigitte Horney eröffnet worden, 1986 schloss es mit Steven Spielbergs Komödie „Geschenkt ist noch zu teuer“. Klaus Meurer erinnert sich eher an andere Highlights im Haus Niederstraße 10, vor allem an „Fuzzy und Dick und Doof“, die er in der Sonntagmatinee um 11 Uhr erlebte.

Das Adler war eines von vier Kinos an der Niederstraße und machte Platz für „Strauß Innovation“. Neben ihm und dem Gloria gab es an dieser Straße noch das „Apollo“, das im Oktober 1966 einen Streifen aus dem Korea-Krieg auf die Leinwand brachte, und den Europa-Palast. „Auch sehr cool“, erinnert sich Barbara Stock auf Facebook.

Etwas abseits dieser Kino-Zeile lag das „Cinema“ an der Friedrichstraße. Im Programm hatte es im Oktober 1966 den Südstaaten-Schmachtfetzen „Vom Winde verweht“ mit Clark Gable und Vivien Leigh in den Hauptrollen. Frei ab 12 Jahren. Lydia Schoenen, damals 14, sah sich den Film mit einer Freundin an: „Die Taschentücher waren nass. Aber schön“, schreibt sie.

Kammerpötsche habe der Volksmund dieses Kino genannt, erinnert sich Peter Bunt. Als Junge von der Furth hatte der heute 70-Jährige aber ein anderes Heimkino: das Kino Laterne, gleich neben der Gaststätte Atlantik. Wenn dort Zorro lief, kostete das Billett 60 Pfennige. Für Bunt ein Problem, weil er nur 50 Pfennig Taschengeld bekam. Trieb er den fehlenden Groschen nicht auf, blieb er auch außen vor, wenn nach der Vorstellung im Jostensbusch „Zorro“ nachgespielt wurde. Er hatte ihn ja nicht gesehen.

Mehr von RP ONLINE