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Neuss: Erich Hackl eröffnet mit seiner Lesung die Jüdischen Kulturtage 2019

Neuss: Autor erzählt eine wahre Geschichte : Erich Hackl berührt mit Passagen aus „Das Seil“

Der österreichische Schriftsteller eröffnete mit seiner Lesung in der Stadtbibliothek die Jüdischen Kulturtage.

Mit einer Lesung des österreichischen Schriftstellers Erich Hackl wurden in Neuss die Jüdischen Kulturtage eröffnet. Der 1954 geborene Schriftsteller erzählt in seinem Buch „Am Seil“ eine wahre Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie handelt vom Bergsteiger Reinhold Duschka, der zwei jüdische Frauen vor der Deportation rettete. In der Stadtbibliothek las der Autor lange Passagen aus seinem Buch und berichtete im Gespräch mit Christine Breitschopf, wie er zu diesem „Schreibauftrag“ kam.

Das Leben von Regina Steiner und ihrer Tochter Lucia hing damals an einem „seidenen Faden“, als auch in Österreich die Verfolgung der Juden mit deren Verschleppung in die Vernichtungslage kulminierte. „Ihr Tod in der Gaskammer, das wäre auch Lucias und Reginas Schicksal gewesen. Hätte es ihn nicht gegeben, Reinhold Duschka“, heißt es am Schluss des schmalen Bandes.

Dabei war der Held für seine Umgebung ein beinahe unsichtbarer Mensch. Verschlossen, wortkarg, jemand, der am liebsten im Hintergrund bleibt. Auch als er die beiden Frauen vier Jahre lang in seiner Wiener Kunstschmiede versteckte, war das für ihn nicht mehr als ein Akt der Bergkameradschaft. „Die beiden Frauen am Seil des Lebens zu halten, war für Duschka eine Frage der Menschlichkeit“, sagte Erich Hackl bei seinem Leseabend. Doch was so einfach und banal klingt, war in seiner Durchführung für alle ein monströses Unterfangen. Nur während der Arbeitswoche durfte das Licht angeschaltet werden. Für Toilettengänge auf das Gemeinschaftsklo im Flur musste Duschka vorab die Lage sichern. Jedes Läuten an der Werkstatttür führte zum blitzartigen Verschwinden der Frauen in einem Verschlag. Zimmerhygiene und saubere Wäsche kamen in diesem Leben kaum mehr vor. Die Folge: eine Wanzenplage.

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Vor allem für das Mädchen Lucia waren jene vier Jahre ein einziger Alptraum. „Sie sehnte sich nach Kindern, mit denen sie spielen oder denen sie beim Spielen zusehen konnte“, heißt es im Buch. Auf das Lernen hatte sie keine Lust, warum auch? Als Duschka die Verzweiflung des Mädchens spürte, begleitete er Lucia auf einem Ausflug ins Freie, ließ das Seil lang, das sonst kurz gehalten werden musste. Aber das Leben im Verborgenen musste weitergehen. „Wie soll das alles enden?“, fragten sich Mutter und Tochter immer wieder. Es endete dann doch und ein neues Leben begann nach dem Zweiten Weltkrieg.

Aus Dankbarkeit wollte Lucia Mitte der 1960er Jahre veranlassen, dass Reinhold Duschka als „Gerechter unter den Völkern“ gewürdigt wurde. Doch der bat sie, davon abzusehen. Erst als Neunzigjähriger war er schließlich mit der Ehrung einverstanden. Auch Hackls Buch ist auf Lucias Initiative hin entstanden. Es ist ein Zeugnis der Menschlichkeit in Zeiten, wo der Begriff als Unwort galt.