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Neuss: Eine Betroffene spricht über Magersucht und Angeboten zur Hilfe

Angebote zur Hilfe in Neuss : Magersucht – eine tückische Krankheit

Viele Anorexie-Betroffene schämen sich für ihre Sucht und schweigen lieber. Kristina T. (22) will dieses Tabu brechen und spricht über ihre Erfahrungen mit der Krankheit. Wer magersüchtig wird und Hilfe benötigt, findet viele Anlaufstellen.

Es begann schon mit 14 Jahren. Kristina T. nahm binnen kürzester Zeit ganz viel ab, weil sie es unbedingt wollte, rutschte ins starke Untergewicht. „Ich hatte jeden Bezug zum normalen Essen verloren: Was sind angemessene Portionen, was braucht eine gesunde Ernährung?“ erinnert sich die heute 22-Jährige. „Ich hatte regelrecht Angst vor den Kalorien in bestimmten Lebensmitteln.“ Der Kinderarzt kannte sich nicht aus, drohte lediglich mit einer Einweisung ins Krankenhaus. Kristina schluckte trotzdem exzessiv Abführmittel und wurde so extrem leicht, dass ihr Leben in Gefahr war. Heute studiert Kristina Soziale Arbeit und sieht auf den ersten Blick sportlich und kerngesund aus. „Die Krankheit spielt sich im Kopf ab. Der körperliche Zustand sagt nichts über den Stand der Erkrankung aus“, warnt sie vor voreiligen Schlüssen.

Deswegen spricht sie auch nicht über konkrete Kilos, die sie aktuell wiegt. „Auch, wenn ich heute in einem gesunden Gewichtszustand bin, habe ich die Krankheit. Ich bin reflektiert, merke aber bei belastenden Situationen, dass die Essstörung anklopft.“ Weil sie sich so sehr mit ihrem Körper und ihrer tückischen Krankheit, der Anorexie, wie Magersucht medizinisch heißt, befasst hat, will Kristina ihr Wissen und ihre Erfahrungen weitergeben. Und andere warnen, indem sie über Magersucht spricht und in einem Blog schreibt. Denn Tausende vor allem junge, weibliche Menschen leiden unter Essstörungen. „Mir wurde lange eingetrichtert: Sei nicht zu offen mit der Krankheit. Erzähle bloß nicht, dass du wieder in der Klinik warst.“ Kristina weiß, dass sich viele Betroffene für ihre Sucht schämen und lieber schweigen. Sie will dieses Tabu brechen. Und sprechen.

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„Das Geschlechterverhältnis bei den Patienten liegt bei zehn zu eins“, erklärt Adrian Schweinoch, Funktionsoberarzt in der Psychosomatischen Spezialsprechstunde des Neusser Alexius/Josef Krankenhauses. „Mädchen und junge Frauen haben oft Kontakt zu Bereichen, in denen es ums Schlanksein geht: Ausdauersport, Tanzen, Modeln.“ Der Arzt behandelt viele Patientinnen wie Kristina T. – Tendenz steigend: Die Pandemie stellt für viele, besonders für sensible Menschen, eine große Belastung dar. Im Rhein-Kreis Neuss hat die Zahl der Vorstellungen jedenfalls signifikant zugenommen, sagt Schweinoch. Er erklärt, warum viele Patientinnen erst im zweiten Corona-Jahr zu den Fachärzten kommen: „Eine Essstörung entwickelt sich nicht über Nacht. Es dauert, bis sich die Symptome deutlich zeigen.“

Typisch sei, dass sich die Patientinnen immer mehr mit Essen und der eigenen Figur beschäftigen. Und die soziale Funktion des Essens gehe verloren: Betroffene essen immer häufiger allein und ziehen sich sozial zurück. „Die Ursachen liegen in der persönlichen Entwicklung: in familiär belastenden Situationen, in Schwierigkeiten mit dem Erwachsenwerden, in Ängstlichkeiten im sozialen Kontext oder in großer Leistungsorientiertheit. Außerdem kommen stark schlankheitsbezogene Ideale hinzu und eine genetische Veranlagung“, so Schweinoch. Die Kernfrage sei immer, wann ein dünner Mensch nicht nur sehr schlank, sondern magersüchtig wird und Hilfe braucht: Besteht Leidensdruck, was den eigenen Körper angeht? Gibt es Beeinträchtigungen im Alltag, zum Beispiel eine Konzentrationsschwäche? „Spätestens bei körperlichen Reaktionen wie Herzrasen, Schwäche, Schwindel oder Ohnmachtsanfällen braucht es professionelle Hilfe“, mahnt Schweinoch.

Denn Betroffene sind durch ihre Erkrankung sehr eingeschränkt. Kristina T. holte sich gerade noch rechtzeitig fachklinische Behandlung: stabilisierende Gespräche, eine medikamentöse Einstellung, psychotherapeutische Behandlung und Verhaltenstherapie. „Gerade Magersüchtige haben eine verzerrte Wahrnehmung dessen, was sie essen“, erläutert Schweinoch. „Wir betrachten die Tagesstruktur, wann gegessen wird, schauen auf die Ursachen und was dahintersteckt.“

Kristina T. hat in den vergangenen Jahren einige Höhen und Tiefen durchgemacht. „Es ist eine Sucht, aber ich habe mir Strategien angeeignet, um in schwierigen Lebenssituationen darauf zurückgreifen zu können.“ Dazu zähle neben den Arztgesprächen beispielsweise das Schreiben. Auch der Austausch mit Freunden oder die Arbeit bei den Pfadfindern täten ihr gut, erzählt sie. Die wichtigste Botschaft von Kristina T. und Adrian Schweinoch lautet: Magersucht ist kein Grund zum Schämen, und sie ist heilbar. Es gibt viele Anlaufstellen für auch niederschwelligen Kontakt: Beratungsstellen, Spezialsprechstunden – sogar online und telefonisch – und natürlich Ärzte, Psychiater und Psychosomatiker. „Je früher der erste stationäre Aufenthalt vorliegt, desto besser ist im Normalfall die Prognose“, sagt Schweinoch. „Positiv ist, wenn sich Patientinnen selbstständig in die Klinik begeben.“ Ebenfalls wichtig sei ein gutes soziales und therapeutisches Netz, zum Beispiel Selbsthilfegruppen. Im Durchschnitt dauert die Behandlung einer Magersucht sechs Jahre. Kristina T. will ihren Weg stark und mutig weitergehen, aufklären und ihr Leben meistern, mit einem gesunden Gewicht und Körpergefühl. „Ich will nicht mehr den Erwartungen anderer Leute entsprechen.“

(NGZ)