Neuss: Einblick in Notfall Ambulanz des Johanna-Etienne-Krankenhauses

Einblick in die Notfall-Ambulanz des „Etienne“: Beruf: Lebensretterin

Annika Stollenwerk ist seit Oktober Chefärztin der Zentralen Notfallambulanz im „Etienne“. Ein Besuch an ihrem Arbeitsplatz.

Es ist ein ungewohnt ruhiger Mittwoch-Morgen. Um kurz nach 9 Uhr befinden sich lediglich acht Patienten in den Behandlungsräumen der Zentralen Notfallambulanz des Johanna-Etienne-Krankenhauses. „Das wird sich schlagartig ändern, sobald die Kältewelle kommt“, sagt Annika Stollenwerk. Die zierliche Frau mit dem zu großen, weißen Kittel ist seit Oktober diesen Jahres Chefärztin der Zentralen Notfallambulanz im „Etienne“, die sie zuvor als leitende Ärztin geführt hat. Sie kennt den langen, hell beleuchteten Flur und die 15 für Notfälle ausgerichteten Räume in- und auswendig. Für die 37-Jährige und ihr Team sind sie sozusagen das zweite Zuhause. Was Schichten bis zu zwölf Stunden halt so mit sich bringen.

Es war ein harter Winter im vergangenen Jahr. Die heftige Grippewelle führte dazu, dass auch die Notfallambulanz des „Etienne“ an ihre Grenzen stieß. „Es gab teilweise enorm lange Wartezeiten“, sagt Annika Stollenwerk. Das soll sich in den kommenden Monaten auf keinen Fall wiederholen. Darum trat zum 1. November erstmals ein sogenannter Winterdienst in Kraft. Das heißt, dass das Haus in der Pflege und im ärztlichen Dienst, aber auch in zuarbeitenden Bereichen wie dem Transportdienst besser aufgestellt ist. Zudem gibt es Rufbereitschaften im Hintergrund.

Tagsüber gibt es zwölf Warteplätze für liegende Patienten. Foto: Janßen/Simon Janßen

In der Notfallmedizin zählt jede Minute. Ständige Optimierung gehört fest zur Unternehmensphilosophie. Um Zeit zu sparen, wird zum Beispiel aktuell eine Rohrpost installiert, so dass Blutabnahmen direkt nach oben ins Labor geschickt werden können.

Einer von insgesamt zwei Operationssälen. Foto: Janßen/Simon Janßen

Kommt ein Patient in die Notfallambulanz, dann wird er in der Regel innerhalb von zehn Minuten triagiert. Das heißt, dass nach einem international standardisierten Verfahren eingeschätzt wird, wie schwer die Erkrankung ist. Im Moment wird diese Aufgabe noch vom Pflegepersonal übernommen, ab dem 1. Januar aber von Ärzten – zumindest in der Zeit von 8 bis 16 Uhr. Der Patient wird bei der Ersteinschätzung in eine von fünf Klassifizierungen eingeordnet: Rot, Orange, Gelb, Grün und Blau. Bei der roten Kategorie muss sofort gehandelt werden, bei der blauen ist eine Sichtung durch einen Arzt innerhalb von 120 Minuten vorgeschrieben. Gearbeitet wird papierlos. Auf Computermonitoren gibt es Koordinationslisten, auf denen unter anderem abzulesen ist, wie viele Patienten in der gesamten Ambulanz anwesend sind und wann sie spätestens behandelt werden müssen. Im Bereich der Rettungsdienst-Einfahrt gibt es zwei sogenannte Schockräume. Dort werden in der Regel Patienten mit schwersten Verletzungen behandelt. Einer der beiden „Schockräume“ ist für Operationen mit speziellem Licht ausgestattet.

Ein Sauerstoffgerät in „Schockraum I“. Foto: Janßen/Simon Janßen

In diesen Räumen sterben Menschen. Manchmal junge Menschen. Das Gefühl, alles Mögliche getan zu haben, was am Ende aber nicht reichen sollte, um ein Leben zu retten: In diesem Job muss man mit solchen emotionalen Herausforderungen klar kommen. „Es ist wichtig, dass man ein stabiles privates Umfeld hat – und dass man weiß, an welchem Punkt man Hilfe braucht“, sagt die Chefärztin. In emotional belastenden Fällen wird vom Haus aktiv Hilfe angeboten. Nach jedem „großen Schockraum“, wie Stollenwerk sagt, setzt sich das Team zusammen: In die eigenen und die Gefühle der Kollegen hinein horchen, sich fragen, was man hätte besser machen können – darauf legt Stollenwerk als Chefin großen Wert. Auch wenn sie weiß, dass die meisten Belastungssituationen erst verzögert auftreten. Für die taffe Frau mit der Vorliebe für Theater, Literatur und farbenfrohe Tattoos steht fest: „Es ist eine Typ-Frage.“ Das heißt: Könnte sie mit den Emotionen nicht umgehen, dann hätte sie den falschen Job.

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Dass Notärzte dafür da sind, um Menschen möglichst schnell zu helfen, damit sie sich besser fühlen, wird längst nicht immer mit Dankbarkeit quittiert. Manchmal ist sogar das Gegenteil der Fall. Erst im vergangenen Monat wurden zwei tätliche Übergriffe auf Pflegepersonal in der Notfallambulanz des „Etienne“ bei der Polizei angezeigt. Im einen Fall wurde gewürgt, im anderen geschlagen. Auch Stollenwerk sei im Dienst bereits mehrfach bedroht worden. Das passiere aber meist, wenn sie als Notärztin unterwegs ist und sich die Patienten zu Hause in einer Ausnahmesituation befinden. Einen Sicherheitsdienst gibt es in dem Krankenhaus in der Neusser Nordstadt bislang nicht. „Wir denken aber aktiv darüber nach“, sagt die 37-Jährige, die – eine schöne Randnotiz – im Januar 1981 im Johanna-Etienne-Krankenhaus geboren wurde. Mittlerweile ist sie selber Mutter eines drei Jahre alten Sohnes.

Annika Stollenwerk könnte darüber klagen, dass fast zwei Drittel der Personen, die in die Notfall-Ambulanz kommen, eigentlich gar keine Notfälle sind. Tut sie aber nicht. Denn sie weiß: „Aus medizinischer Sicht handelt es sich vielleicht nicht um einen Notfall, aber die Menschen kommen ja zu uns, weil sie sich tatsächlich schlecht fühlen und nicht, weil sie uns ärgern wollen.“ Die Situation lasse sich ohnehin mit einer kurzen Beratung schneller lösen, als mit einer intensiven Belehrung über tatsächliche Notfälle.

Schmunzelnd, aber gleichzeitig kopfschüttelnd erinnert sie sich jedoch an einige besonders dreiste Fälle. Die Jugendlichen, die nach dem Feiern um 4 Uhr morgens auf der „Matte“ stehen und ihr plötzliches Kratzen im Hals als Notfall interpretieren. Oder die ältere Dame, die nicht schlafen konnte und nach dem Wählen des Notrufs behauptete, sie habe einen Herzinfarkt. Vor Ort stellte sich jedoch heraus, dass die Dame nur eine Schlaftablette haben wollte. Ein Job voller Extremen eben.

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