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Neuss: Digitalisierung beeinflusst Lernen der Zukunft

Volkshochschule & Co. : Das Lernen der Zukunft wird digitaler sein

Einrichtungen wie Volkshochschule Neuss und Fernuni Hagen müssen die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen, um für die Anforderungen der modernen Bildungsgesellschaft gerüstet zu sein. Der Wandel hat schon begonnen.

Alle Welt redet von der Digitalisierung und nutzt deren konkrete Möglichkeiten auch mehr und mehr. Ob Kommunikation, Musik-Genuss oder Shopping – die moderne Technik hat nahezu sämtliche Lebensbereiche erfasst. Auch die Bildung ist da nicht außen vor und muss sich auf die digitalen Entwicklungen einstellen.

Aber wie reagieren alteingesessene Institutionen wie die Fernuniversität Hagen, die ein Regionalbüro in Neuss hat, oder die Volkshochschule (VHS) auf die Anforderungen der modernen Bildungsgesellschaft? Wie sieht für sie das Lernen der Zukunft aus, das heute schon begonnen hat? „Die Digitalisierung hat die Gesellschaft verändert und wird sie weiter verändern. Selbstverständlich schlägt sich das auch und insbesondere auf die Erwachsenenbildung nieder“, betont Marie Batzel, Leiterin der VHS Neuss. „Zum einen sind die Lernmöglichkeiten durch die digitalen Angebote stark erweitert. Zum anderen ergeben sich in Folge der Digitalisierung neue Lernnotwendigkeiten.“

Marie Batzel ist Leiterin der Volkshochschule Neuss. Foto: Woitschützke, Andreas (woi)

Auf unterschiedlichen Ebenen nehme die Digitalisierung Einfluss auf die Arbeit der Volkshochschulen: So verändere die Digitalisierung zum Beispiel die Nachfrage nach Bildungsangeboten. „Wer seine Online-Einkäufe innerhalb von 24 Stunden geliefert bekommt, möchte auf den Start eines Volkshochschulkurses nicht bis zum nächsten Semesterstart warten“, bringt Batzel eine der neuen Anforderungen auf den Punkt. Das Kurssystem müsse daher flexibler und individueller gestaltet werden, was eine hohe Herausforderung an die Fachbereichsleitungen in der Volkshochschule stelle. „Wir müssen viel stärker Teilnehmende beraten, damit diese ihr Lernziel erreichen können und gleichzeitig müssen wir die Dozenten auf dem Weg begleiten, digitale Lernmedien in den Unterricht zu integrieren“, stellt Marie Batzel klar.

Ada Pellert ist Rektorin der Fernuni Hagen. Foto: Jakob Studnar/Fernuni

Die Herausforderungen seien ohne Frage groß. Da nutze es, dass die Volkshochschule Neuss nicht allein dastehe: Laut deren Leiterin arbeiten viele der mehr als 900 Volkshochschulen in „Digicirclen“ an Leuchtturmprojekten, um konkrete Bildungsangebote zu erproben und die Kurskonzepte später deutschlandweit anbieten zu können. Die Neusser haben dabei im Bereich der „Gamification“ ein Konzept für einen Kursus entwickelt, der Jugendliche mit dem Leben und Wirken Shakespeares auf „spielerische“ Weise vertraut machen soll.

„Der Austausch zwischen den Volkshochschulen funktioniert sehr gut – und mit der VHS-Cloud bald noch viel besser“, ist sich Batzel sicher. Die VHS-Cloud ist eine Lernplattform, die die Volkshochschulen speziell für die Bedürfnisse ihrer Teilnehmer und Mitarbeiter entwickelt haben. Über sie ist es möglich, virtuelle Klassenräume einzurichten, Videokonferenzen in den Unterricht zu integrieren, Hausaufgaben, Quiz-Angebote und Tutorials den Teilnehmern zur Verfügung zu stellen und sich zum Beispiel in den Kursen zu vernetzen. „Derzeit werden alle VHS-Mitarbeiter geschult, um mit dieser Cloud arbeiten zu können und die digitalen Möglichkeiten in das Bildungsprogramm zu integrieren.“ Danach sollen auch die Dozenten intensiv mit der VHS-Cloud vertraut gemacht werden.

„In vielen Bildungsangeboten von uns wird aber längst mit digitalen Medien gelernt – und das nicht nur in den EDV-Kursen“, betont VHS-Leiterin Marie Batzel. So stellten beispielsweise Verlage längst auch digitale Medien – zum Beispiel für den Fremdsprachenunterricht – zur Verfügung. Eine weitere Ebene sei aber wesentlich: Der Umgang mit der Digitalisierung sei ein entscheidender Bildungsauftrag für Volkshochschulen, meint Batzel. Insbesondere diejenigen, die nicht durch das Berufsleben gezwungen seien, die Entwicklungen des Digitalen mitzugehen, müssten zum Beispiel von der VHS mitgenommen werden. „Die digitale Schere halte ich für eine gesellschaftliche Gefahr“, so Batzel. Wenn Überweisungen nur noch online zu machen, Fahrkarten nur noch per App zu kaufen und wichtige Debatten nur noch in den sozialen Netzwerken geführt würden, sei ein mündiger Umgang mit dem Internet wesentlich für die gesellschaftliche, berufliche und kulturelle Teilhabe.

Reihen wie die „Digitalen Stammtische“, die die Volkshochschule ab dem kommenden Semester in Kooperation mit der Bundesarbeitsgemeinschaft für Senioren-Organisationen und dem Verein „Deutschland sicher im Netz“ anbietet, könnten dabei wesentliche Beiträge leisten. Bei den „Digitalen Stammtischen“ können Interessierte mit Experten etwa über Fragen rund um Einkäufe im Internet, medizinische Ratschläge in Onlineforen oder Online-Banking sprechen.

„Wir müssen es Menschen ermöglichen, lebensbegleitend zu lernen, ihr Wissen in ganz unterschiedlichen Lebensphasen anzupassen. Die Herausforderung ist es, von den Lernenden aus zu denken und nicht mehr von den Institutionen“, sagt Ada Pellert, Rektorin der auch in der Quirinus-Stadt ansässigen Fernuniversität Hagen.

Das Fernstudiensystem bietet nach Ansicht der Verantwortlichen die dazu notwendige Flexibilität: Es binde nicht an einen starren Stundenplan. Studierende könnten die Zeit fürs Lernen selbst bestimmen und in den Alltag einbinden. Sie bekommen regelmäßig Studienbriefe zugeschickt; dazu kommen digitale Medien, Online-Seminare und virtuelle Vorlesungen. „Für heutige Studierende ist der Umgang mit digitalen Medien ganz selbstverständlich. Daran knüpfen wir in der Lehre an mit multimedialen Werkzeugen, die wir kontinuierlich weiterentwickeln“, beschreibt Pellert. „Die Digitalisierung treibt auch Hochschulen um.“

Allerdings: Trotz räumlicher wie zeitlicher Unabhängigkeit bleiben Beratung und Betreuung zukünftig wichtige Bausteine für den Studienerfolg, betont man in Hagen. Zur Fernuni gehören bundesweit 13 Regionalzentren, die Studierende vor Ort persönlich und fachlich unterstützen. In Neuss ist der Standort im Romaneum. Das Team im hiesigen Regionalzentrum betreut rund 5000 Studierende.

„Qualifizierte Mitarbeiter sind das größte Kapital – gerade für die mittelständischen Unternehmen in der Region“, wirbt Ada Pellert für die Verbindung von Wirtschaft und Wissenschaft. Unternehmen, die ihre Mitarbeiter weiter qualifizierten, profitierten von neuem Wissen und steigerten so die Konkurrenzfähigkeit des Betriebes, so die Sicht der Fernuni-Leitung.

Außerdem sorge die Verzahnung von Wissenschaft und Praxis dafür, dass innovative Erkenntnisse in die lokale Wirtschaft flössen, insbesondere zu gesellschaftlich wichtigen Themen.