Neuss: Die Digitalisierung, WhatsApp & Co. verändern den Schulalltag

Gesamtschulleiter in Neuss : WhatsApp und Co. verändern den Schulalltag

Achim Fischer, Leiter der Janusz-Korcazk-Gesamtschule und Sprecher der Schulen in Neuss, über digitalen Unterricht, Messenger & Co.

Herr Fischer, der Breitbandausbau an den Schulen und digitale Unterrichtsangebote spielen eine immer größere Rolle. Wie ist der Stand in Neuss?

Achim Fischer Lern-Apps, interaktive Tafeln und Whiteboards sind längst Alltag. Die Präsentation von Unterrichtsinhalten wird dadurch einfacher. Natürlich brauchen wir die Ausstattung, die uns die Möglichkeiten bietet, das schließt eine entsprechende Breitbandversorgung der Neusser Schulen ein. Aber wenn es um die Digitalisierung des Unterrichts geht, müssen wir aus pädagogischer Sicht die Frage stellen: Was wollen wir eigentlich? Es geht um Funktionalität, und wir müssen über den Einsatz von Medien reflektieren. Vor allem aber ist wichtig, wie wir durch den Einsatz digitaler Angebote einen besseren Lernertrag erhalten.

Achim Fischer ist Sprecher der Schulen in Neuss. Foto: Andreas Woitschützke

Und wie gelingt das?

Fischer Wir müssen digitale Angebote da einsetzen, wo sie wirklich Sinn machen. Wenn man im Geschichtsunterricht historisches Kartenmaterial einsehen will, geht das zum Beispiel problemlos über das Internet. Für Lehrerkollegien ist die Digitalisierung aber auch eine Herausforderung, weil sie ein Mehr an Fortbildungen bedeutet. Wenn man die Angebote noch mehr in die Fläche bringen will, muss man auch mehr Möglichkeiten zur Fortbildung schaffen.

Mal abgesehen von Unterrichtsfragen: Wie sehr haben die digitalen Medien – auch mit Blick auf Social Media – den Schulalltag verändert?

Fischer Sehr. Wenn Schüler untereinander kommunizieren, geschieht das vor allem über WhatsApp & Co., da sind Schüler sehr vernetzt. Sie schließen sich zu Klassen-Chats zusammen. Schule hat sich durch die Einführung der Ganztagsangebote ohnehin verändert, der Sozialkontakt der jungen Leute findet verstärkt im Raum Schule statt. Der Austausch über Soziale Medien ist dementsprechend groß. Früher wurde abends telefoniert, heute schreibt man sich ständig. Für Eltern hat das einen Vorteil: Das Problem mit besetzten Telefonleitungen gibt es nicht mehr.

Und was bedeuten Klassen-Chats, WhatsApp & Co. für Lehrer?

Fischer Zurückhaltung. Es handelt sich um eine private Nutzung, deshalb sollten Lehrer in diesen Chats aus rechtlichen Gründen nicht Mitglied sein und auf diesem Weg auch nicht mit Schülern kommunizieren. Hinzu kommt der Alltag auf dem Schulhof. Wie die Smartphone-Nutzung an den Schulen geregelt ist, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Manche erlauben sie in den Pausen, andere nicht. Verbote bringen aber nur bedingt etwas. Bei Problemen mit Social Media an den Schulen geht es häufig um Fotos, die gemacht werden, um Datenschutz, um Persönlichkeitsrechte, auch um Mobbing. Das ist ein enorm weites Feld. Klar ist: Im Unterricht sollten die Smartphones ausgeschaltet sein.

Und gelingt das?

Fischer Natürlich nicht immer, so ehrlich muss man sein. Und es geht ja nicht nur um Kommunikation von Schülern untereinander. Zugenommen hat auch das Phänomen der ständigen Erreichbarkeit des Kindes für die Eltern. Vor Klassenarbeiten werden zum Beispiel alle Smartphones mit dem Hinweis, diese auszuschalten, eingesammelt. Wie das so ist: In der Regel vergisst jemand das Ausschalten. Und zehn Minuten vor Abschluss der Klassenarbeit ploppt plötzlich eine WhatsApp auf – zum Beispiel mit der Frage, wie denn die Klassenarbeit so läuft. Das ist keine Ausnahme, sondern eher Normalität.

Wie schwierig ist es, Eltern und Schüler zu sensibilisieren?

Fischer Viele ziehen gut mit. Aber bei 1050 Schülern wie bei uns stößt man an die Grenzen des Machbaren.

Stichwort Mobbing via WhatsApp & Co – ist das ein großes Problem an den Schulen?

Fischer Natürlich ist das ein Thema, auch wenn es Schulen gibt, die das öffentlich nicht so gerne kundtun. Soziale Medien öffnen Tür und Tor für Mobbing oder das Weitersenden privater Inhalte. Wir können nur versuchen, die Schüler für einen verantwortungsvollen Umgang mit Sozialen Medien zu sensibilisieren und ihnen klarzumachen, dass das Netz nichts vergisst. Aber das ist natürlich ein schwieriges Feld. Da schickt dann zum Beispiel eine Schülerin ein Foto an einen Mitschüler, das nur für ihn bestimmt sein soll – und wenn es schlecht läuft, teilt er das Foto einfach weiter an Freunde oder eine andere Gruppe. Für die Schülerin bricht nicht nur eine Welt zusammen, weil sie sich verletzt fühlt. Wir haben es dann auch mit einem Eingriff ins Persönlichkeitsrecht der Schülerin zu tun. Um das zu vermeiden, hilft nur Aufklärung.

Was raten Sie jungen Menschen?

Fischer Einen vernünftigen Umgang mit Sozialen Medien. Sie sollten sich genau überlegen, was sie mit anderen teilen möchten und was nicht. Und sie sollten sich stets im Klaren sein, dass etwas als privat Gedachtes nicht unbedingt privat bleibt.