Neuss: Dickens' Weihnachtsgeschichte in der "Rathauskantine"

Theater am Schlachthof : Geisterbesuch in der „Rathauskantine“

Die aktuelle Version des Kabarettformats vom Theater am Schlachthof ist mit Dickens’ Weihnachtsgeschichte verknüpft.

Dickens und die „Rathauskantine“, die anrührende Geschichte des Geizhalses Scooge und die Lästermäuler des hauseigene Kabarettformats des Theaters am Schlachthof – kann das gutgehen?

Regisseur Markus Andrae, der zum ersten Mal auch zusammen mit Jens Spröckmann den Text geschrieben hat, ist mit dieser Kombination kein geringes Risiko eingegangen, zumal er auch noch Teile des Originals Wort für Wort rezitieren lässt, von der sonst eher schnoddrigen Simone Strack und dem schlagfertigen Rheinländer und Neusser Ex-Stadtarchivar Alfred Sülheim. Da mag sich mancher Bruch auftun, aber Stefanie Otten (Strack) und Jens Spörckmann (Sülheim) kommen damit gut klar. Wobei niemand erwarten sollte, dass vor allem Strack die Wandlung von der kalten Controllerin des Neusser Bürgermeisters hin zu warmherzigen Kollegin einem Schauspiel gerecht nachvollziehbar macht.

Muss sie aber auch nicht. Denn wir sind schließlich im Kabarett. Mit starken Neusser Bezügen natürlich, guten Sprüchen, witzig-hämischen Vergleichen und starken aktuellen Rundumschlägen zu Politik und Gesellschaft, so dass am Ende ein bisschen typisch weihnachtlich anmutendes Happy End allen gut tut. Und die Rahmengeschichte ist halt ein bisschen Dickens und ein bisschen Andrae.

Grandios ist vor allem dessen Idee, die Begegnungen zwischen den Geistern und Scrooge/Strack als Videos zu zeigen. Sind Nr 1. und 2 schon gut – Nr. 3 übertrifft sie noch. Denn als „Schatten der Zukunft“ präsentiert es Szenen der „Nach-Strack-Zeit“. Kollegen äußern sich eher begeistert über ihren Weggang, denn ihre Arbeit, alles und jeden wegrationalisieren (bis zu sich selbst), hat schließlich dazu geführt, dass Neuss als „einzig privatwirtschaftlich geführte Kommune in der Bundesrepublik“ vom großen Nachbarn Düsseldorf geschluckt wird. Welch Leid das der Neusser Seele zufügt, zeigt die Stellungnahme des (namenlosen) Ex-Bürgermeisters von Neuss – wunderbar gespielt von Harry Heib. Ein großartiger Einfall und sehr professionell ausgeführt. Eine rechte Spitze kam noch aus dem Publikum, als ein gut vernehmbar gemurmeltes „Hengasch“ die im Video gestellte Frage nach der zukünftigen Arbeitsstelle der Controllerin (eigentlich im Gemeindeamt Manderscheid) beantwortete.

Mit der neuen Kantinenpächterin, die den sprechenden Nicknamen Kretschet (Cratchit bei Dickens) trägt, hat das „Rathauskantine“-Team eine Figur geschaffen, die in diesen besonderen Rahmen passte, aber auch gut und gern künftig in der „Rathauskantine“ auftauchen darf. Carolin Stern im Outfift des Kochs passt zu diesem Duo, setzt vor allem Glanzpunkte als Korrespondentin in den USA oder Tina Misu in Deutschland.

Überhaupt funktioniert die „Rathauskantine“ als Kabarett immer dann am besten, wenn sie Nummern präsentiert. Otten als Barbara Binse und Spörckmann als Frank Floskel als Moderatoren-Paar einer „News“-Sendung treffen genau den Ton, der nicht von ungefähr an den solcher Sendungen von privaten Sendern erinnert. Herrlich!

Info Blücherstraße 31, 21. und 23. Dezember, 02131 277499

(hbm)
Mehr von RP ONLINE