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Neuss: Der harte Kampf ums Ehrenamt

Engagement in Neuss : Der harte Kampf ums Ehrenamt

Rund 30 Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland freiwillig. Doch von einer Rundum-Zufriedenheit kann noch keine Rede sein. Auch in Neuss kann der Bedarf an Ehrenamtlern nicht immer gedeckt werden.

Eine Stadt ohne Ehrenamtler ist eine arme Stadt. Oft sind sie Bindeglieder zwischen Generationen, gesuchte Ansprechpartner in schwierigen Lebenssituationen oder einfach nur fleißige Hände, die mit anpacken. Mehr als 30 Millionen Menschen sollen es nach Angaben des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat sein, die sich in Deutschland ehrenamtlich engagieren. Das bedeutet, dass 40 Prozent der Bevölkerung ab zehn Jahren ein Ehrenamt ausüben. Doch von einer Rundum-Zufriedenheit an der Basis kann noch keine Rede sein.

Das zeigt sich auch in Neuss – zum Beispiel bei den Maltesern. „In den vergangenen Jahren ist es immer schwieriger geworden, Freiwillige zu finden“, sagt der stellvertretende Stadtbeauftragte Tim Gladis. Zur Zivildienst-Zeit sei es noch leichter gewesen, Menschen auch im Nachhinein an die Organisation zu binden, heute müsse man hingegen stärker denn je Überzeugungsarbeit leisten. Ein Lichtblick: Durch den sogenannten Wohlfühlmorgen – dabei gibt es für Wohnungslose ein Frühstücksbuffet, eine warme Dusche, leise Musik, Zeitschriften und Zeit für Gespräche – habe man einige neue Ehrenamtler gewinnen können. „Dabei handelt es sich vor allem um ältere Semester“, so Gladis.

Handlungsbedarf sehen auch die Verantwortlichen der Neusser Feuerwehr. Von den gut 155.000 Einwohnern in Neuss engagieren sich dort nämlich lediglich 0,18 Prozent ehrenamtlich. Um das zu ändern, wird nicht nur digital die Werbetrommel gerührt – unter anderem auf Facebook und Instagram –, sondern auch noch ganz analog per Wurfsendung. Dort lasse die Resonanz nach Angaben des stellvertretenden Stadtbrandmeisters Markus Brüggen aber zu wünschen übrig. Darum werden zusätzlich gezielt Personen angeschrieben, die das 18. Lebensjahr vollendet haben. Dasselbe mache die Jugendfeuerwehr bei 14-Jährigen.

Für das Deutsche Rote Kreuz läuft es da wesentlich besser. „Wir haben im vergangenen Jahr mehr Ehrenamtler gewonnen als wir verloren haben“, sagt Vorstandssprecher Marc Dietrich. Beliebt seien allerdings vor allem Teilnahmen an kurzfristigen Projekten. Um Freiwillige an eine längerfristige Aufgabe zu binden, müsse man den eigenen Nutzen für die jeweilige Person stärker herausstellen als früher. So könne man zum Beispiel von einem der Führungs- und Leitungslehrgänge im Berufsleben profitieren. Eingeschränkt seien allerdings die Möglichkeiten im Rettungsdienst, wo für die meisten Tätigkeiten eine Ausbildung nötig ist. „Da werden die gesetzlichen Anforderungen von Jahr zu Jahr höher“, sagt Dietrich.

Bei der Awo in Neuss hat sich in den vergangenen Jahren ein besonderes Modell etabliert. „Wir konnten einige Freiwillige aus Migrantenkreisen gewinnen“, sagt Geschäftsführer Bülent Öztas. Nicht nur mit Bosniern arbeite man regelmäßig zusammen, sondern auch mit Menschen aus der alevitischen Gemeinde – vor allem auf der Furth und in Norf. Meist gehe es dabei um die gemeinsame Umsetzung von kulturellen Veranstaltungen wie den Neusser Filmtagen.

Doch auch der Lotsenpunkt in Holzheim habe bereits einen positiven Effekt. „Dort konnten wir im vergangenen Jahr neue Ehrenamtler gewinnen, die zum Beispiel kochen oder Musik machen“, sagt Öztas. Im Further Hof habe sich das Ehrenamt ebenfalls als Integrations-Medium erwiesen. Dort engagieren sich laut des Awo-Geschäftsführers viele Flüchtlinge – auch, um ihre Sprache zu verbessern.