Neuss: Der ganz normale Wahnsinn auf der Deponie

Kleinanlieferplatz in Grefrath : Der ganz normale Wahnsinn auf der Deponie

Ein Besuch auf der Deponie in Grefrath: Von Neuware auf dem Schrott, Schadstoffen und „Aufpassern“, die starke Nerven brauchen.

Jeden Samstag herrscht auf dem Kleinanlieferplatz der Mülldeponie Grefrath Hochbetrieb. Für Jürgen Trinks bedeutet das: ganz genau hinschauen. „Jeder Kofferraum ist für uns im Prinzip eine große Überraschungskiste. Kaum ein Kunde sortiert seinen Abfall vor“, sagt Trinks, der den privaten Lieferern zeigt, in welche Container welcher Abfall gehört. „Holz ist immer so eine Sache“, erzählt der „Aufpasser“, der eigentlich als Maschinist auf der Deponie arbeitet, ab und an aber auch für Kollegen an der Sortierung einspringt. „Möbelholz ist meistens Restabfall, das Holz auf Gartenzäunen und Gartenhäuschen beispielsweise muss wegen der Beschichtungen gesondert entsorgt werden.“

Der Mitarbeiter der Entsorgungsgesellschaft Niederrhein (EGN), die die Deponie im Auftrag des Rhein-Kreises Neuss betreibt, staunt manchmal nicht schlecht über die Dinge, die die Kunden dort entsorgen wollen: „Manchmal sind auch Neugeräte dabei, zum Teil noch verpackt.“ So richtig Verständnis hat er dafür nicht. Aber meist kennt er auch die Geschichten nicht, die hinter dem Abfall stecken.

Verena Madry etwa mistet derzeit die Wohnung ihres verstorbenen Onkels in Kaarst aus. „Seit zwei Monaten bin ich damit beschäftigt“, sagt sie, während sie einen großen Wäschekorb voll mit altem Krimskrams mit Schwung in einen der Container befördert. Gartenstühle, Tennisschläger – alles Dinge, die alt und verstaubt sind und für die sie keine Verwendung mehr hat. In einer ihrer Kisten entdeckt Jürgen Trinks zwei Dosen mit Lack. „Die gehören in den Sondermüll“, sagt der Deponie-Mitarbeiter.

Wie Verena Madry landen jeden Tag Kunden bei Marcel Leenen: Er ist Fachkraft für Kreislaufwirtschaft und kennt sich aus mit Schadstoffen. Bei ihm werden Medikamente, Gifte, Batterien, Chemikalien, Farben, Lacke, Öle und andere Dinge abgegeben. Insgesamt 152 Tonnen Sondermüll kamen dort im vergangenen Jahr zusammen, am Anlieferplatz insgesamt sind 2017 zusammengerechnet 6653 Tonnen Abfall abgegeben worden – seit einigen Jahren steigt die Zahl kontinuierlich. „Beim Sondermüll muss ich zwischen vielen Stoffen unterscheiden. Oft ist den Kunden gar nicht bekannt, um was es sich handelt“, erzählt Marcel Leenen.

Pro Tag zählt die Deponie rund 200 Kleinanlieferer. Unter der Woche hat die Deponie zwölf Stunden geöffnet. „Samstags sind es sechs Stunden. Es kommen aber trotzdem immer um die 200 Kunden. Da kann es auch schon mal kleinere Staus geben“, erzählt Marina Stein. Sie sitzt vorne im Kassenhäuschen und kassiert von den meisten Kunden zehn Euro für einen Kubikmeter beziehungsweise 200 Kilogramm Abfall.

Da ist Körpereinsatz gefragt: Verena Madry mistet derzeit die Wohnung ihres verstorbenen Onkels in Kaarst aus. Foto: Christian Kandzorra
Ganz vorne im Kassenhäuschen sitzt Marina Stein. Foto: Christian Kandzorra

Die Kassiererin diskutiert nicht lange herum: Was zu viel ist, ist zu viel – und muss bei deutlichen Überschreitungen auch bezahlt werden. Mit ihrem geschulten Blick „scannt“ sie jeden Kofferraum, jede Rückbank und reicht den Kunden aus ihrem Container einen blauen Anliefernachweis aus dem Fenster – seit 15 Jahren stets mit einer gesunden Portion Humor. „Ich habe den besten Job der Welt“, sagt sie. An der Kassiererin vorbei mussten auch Martina Boß und Rolf Bättig. Sie trennten sich auf der Deponie von einem 70 Kilo schweren Kühlschrank. „Leider sind die Scharniere kaputt, er kühlt nicht mehr richtig“, erzählt Bättig. Elektrogeräte winkt Marina Stein direkt durch: Deren Entsorgung ist kostenlos, ebenso wie die von reinem Papier, reiner Pappe, Metallen und Dingen, die zuhause im gelben Sack landen würden.

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