Neuss: Das Bundesjugendballett kommt zu den Internationalen Tanzwochen

Gastspiel bei den Internationalen Tanzwochen: Balletttänzer mit sozialem Gewissen

Vor rund sieben Jahren wurde das Bundesjugendballett gegründet. Es besteht aus acht Profis.

Sein Nachname verweist auf einen Schweizer Ursprung, aber geboren und aufgewachsen ist Yohan  Stegli in Frankreich, in der Provence. „Stimmt“, sagt der Organisatorische Leiter des Bundesjugendballetts (BJB) und lacht, „die Familie hat Schweizer Wurzeln.“ Seit 1995 ist der gebürtige Franzose jedoch ein Hamburger, mittlerweile auch mit Ehefrau, denn er hatte Aix-en-Provence verlassen, um an der Schule des Hamburg Ballett seine professionelle Tanz-Ausbildung zu vervollkommnen. Auf Anraten des Vaters im Übrigen, „denn meine Familie hat meine Laufbahn als Tänzer immer sehr unterstützt“, sagt er.

Ex-Tänzer Yohan Stegli ist heute Organisatorischer Leiter. Foto: Silvano Ballone

Schon vier Jahre nach seinem Wechsel war er Mitglied im fast schon legendären Hamburg Ballett von John Neumeier, hat als Solist in dessen Balletten wie „Dritte Sinfonie von Gustav Mahler“, „Winterreise“, „Matthäus-Passion“ oder „Opus 100“ auf der Bühne gestanden  und ist der Institution treu geblieben, als er 2011 seine Bühnenkarriere beendete. Denn zusammen mit Neumeier als Intendant, Kevin Haigen (Künstlerischer und Pädagogischer Leiter) und Raymond Hilbert (Ballettmeister) gründete er das Bundesjugendballett, das aber „völlig unabhängig vom Hamburg Ballett ist und nur das Gebäude und den Intendanten mit ihm gemeinsam hat“.

Jedes Jahr im Frühjahr bittet das Bundesjugendballett zum Vortanzen. „Je nachdem, wie viele Verträge auslaufen, besetzten wir drei bis vier Stellen neu“, erzählt Stegli. In der Regel stellen sich dann 150 Kandidaten vor, ein Profi muss jeder schon sein, wenn er sich bewirbt, und darf zwischen 18 und 21 Jahre alt sein. Maximal zwei Jahre kann ein Tänzer dabeibleiben, „Wir sind keine Schule“, betont der heute 38-Jährige, der selbst bis Ende der vergangenen Saison auch als Ballettmeister beim BJB fungiert hat, „sondern vergleichen uns eher mit einer Masterclass, in der die Tänzer alles lernen, was mit Tanz zu tun hat.“ Und dazu gehöre auch schon mal der Auf- und Umbau oder das Kostüm, und natürlich auch die Choreografie. So zeigen die Tänzer in Neuss gleich zwei eigene Arbeiten: „Dumbarton Oaks“ und „BJB Songbook – What we call growing up“.

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Ein weiteres Merkmal für die acht Tänzer starke Company ist der ständige Bühnenwechsel. Sie ist zwar im Ballettzentrum Hamburg beheimatet, aber hat kein festes Haus. „Wir wollen den Tanz zu den Menschen bringen“, sagt Stegli, „und tanzen auch in Kitas, Altenheimen oder leergepumpten Schwimmbädern.“ Kein Projekt, ob in einem Gefängnis oder in einer Förderschule, sei ihnen mit diesem Ziel vor Augen zu schade. Zumal Stegli darin auch einen großen Vorteil für das Publikum sieht, denn es erlebe die jungen Tänzer in großer Nähe und alltäglicher Umgebung. Und für beide Seiten, Tänzer wie Publikum, sei diese Gemeinsamkeit auch ein wichtiges soziales Erlebnis.

Dass der Abschied von einem Ballettmitglied auch der Leitung nicht immer leicht fällt, gibt Yohan Stegli unumwunden zu. Emotional schwierig sei es oft, sagt er und ergänzt: „Oft kommt die Trennung gerade dann, wenn ein Tänzer richtig gut ist.“ Doch der Fördervertrag mit dem Bund (in Gestalt der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien) sieht eben die maximal zweijährige Zugehörigkeit vor. So mögen Stegli, Neumeier und Haigen zwar manchen Weggang bedauern, aber verhindern können sie ihn nicht.

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