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Neuss: Ausstellung über Campendonk, Prikker und Nauen im Sels-Museum

Rheinische Expressionisten : Drei Künstler auf dem Weg in die Moderne

Die neue Ausstellung im Clemens-Sels-Museum zeigt nicht nur die große Vielfalt der rheinischen Expressionisten Heinrich Campendonk, Heinrich Nauen und Johan Thorn Prikker. Sie verhilft auch zu neuen Erkenntnissen.

Vier Kuratorinnen, 125.000 Euro, 150 Werke, vier Monate Laufzeit – die neue Ausstellung im Clemens-Sels-Museum wartet allerdings nicht nur bei den Zahlen mit Superlativen auf. „Ihrer Zeit voraus – Heinrich Campendonk, Heinrich Nauen, Johan Thorn Prikker“ heißt die Schau, die am Sonntag eröffnet wird und auch in (kunst-)historischer Hinsicht etwas Besonderes ist. In der Vielgestaltigkeit künstlerischen Schaffens sowieso.

Kein Wunder, dass in der Stimme von Museumschefin Uta Husmeier-Schirlitz ein bisschen Stolz mitschwingt, wenn sie sie von dem langen Weg bis zu dieser Ausstellung erzählt, die den Etat des Hauses bei weitem sprengt und sowohl ihre Arbeitskraft wie auch die ihrer hauseigenen Kuratoren-Kolleginnen Romina Friedemann und Bettina Zeman sowie Christiane Heiser als Künstlerische Beraterin über Monate in Anspruch genommen hat.

Da war zum einen die notwendige Werbung von Fremdmitteln, die rund 75 Prozent der Gesamt­summe ausmachen (30.000 Euro hat das Neusser Haus investiert), zum anderen auch die Suche nach Arbeiten der drei Künstler in Museen und Privatbesitz und den Verhandlungen über die Ausleihe. Am Ende sind es 40 Leihgaben, die mit 90 Werken aus dem eigenen Bestand gezeigt werden. Denn Campendonk, Nauen und Prikker sind Vertreter des Rheinischen Expressionismus, dem laut Husmeier-Schirlitz „zweitwichtigsten Sammlungsbestand“ des Clemens-Sels-Museum.

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In der überaus üppig ausgestaltete Ausstellung werden vor allem die Beziehungen der drei Künstler herausgearbeitet. Dafür haben sich die vier Frauen die Felder aufgeteilt: Friedemann beleuchtet das Verhältnis zu den Mäzenen, Zeman widmete sich dem jeweiligen persönlichen Gesamtkunstwerk, Husmeier-Schirlitz der Bedeutung der Stadt Neuss für das künstlerische Schaffen und Heiser zeichnet den mitunter steinigen Weg von Campendonk, Nauen und Prikker in die Moderne nach.

Und so finden sich die drei Künstler schon im Eingangsbereich zusammen wieder, mit prominenten Werken. In einer „Timeline“ im Zwischengeschoss werden wichtige Ereignisse im Leben der Drei festgehalten. Die wahre Schwelgerei beginnt aber im ersten Obergeschoss. Wo nur anfangen? Bei dem zum ersten Mal ausgestellten Aquarell „Dahlien in blauer Vase“ von Heinrich Nauen von 1925? Bei Pikkers Ölbild „Der heilige Franziskus predigt den Fischen und Vögeln“ (1930), das nach 50 Jahren mal wieder öffentlich zu sehen ist? Oder beim Gobelin „Liegende Frau und Tiere“ (1925) von Heinrich Campendonk aus dem Depot des Kunstmuseums Krefeld, der restauriert und gerahmt zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder gezeigt wird? An Besonderheiten mangelt es dieser Ausstellung gewiss nicht.

Das meint nicht allein die Werke, sondern auch die Hintergründe, die Geschichten, die die Kuratorinnen rund um die Entstehung eines Kunststücks recherchiert haben. So weiß Husmeier-Schirlitz jedes Detail um die Prikker-Arbeiten für Neuss, für die Dreikönigenkirche und das Gesellenhaus, das heute zum Quirinus-Gymnasium gehört. Friedemann recherchierte, welche Bedeutung der Neusser Rechtsanwalt und Sammler Johannes Geller für Campendonk und Co. gehabt hat; Zeman kann erklären, dass schon die ersten Gemälde „Madonna im Tulpenland“ (1892) und „Die Braut“ (1892/93) Prikkers spätere Formensprache erkennen lassen. Und Heiser kennt den Weg der miteinander freundschaftlich verbundenen Künstler, der zu ihren Lebenszeiten mit Anerkennung und Lobpreisung, Verfemung und Ablehnung gepflastert war.

Campendonk, Nauen und Prikker sind rheinische Wegbereiter der Moderne – wie auch Peter Behrens und das Bauhaus, das im nächsten Jahr groß gefeiert wird und deshalb auch in der Ausstellung einen besonderen Platz bekommt.

Jedem Besucher der Ausstellung seien drei Dinge geraten: Am besten mehrfach kommen und sich die Kunst aspektweise anzueignen, das umfangreiche Begleitprogramm nutzen – und den hervorragenden Katalog für 29,90 Euro (332 Seiten) zu kaufen. Zum Schmökern, Schwelgen und Lernen.

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