Literarischer Sommer in Neuss Mit dem Faltboot nach Zypern - Abenteuerroman eröffnet Festival

Neuss · Der Literarische Sommer ist in Neuss gestartet. In „Der Flussregenpfeifer“ widmet sich Tobias Friedrich dem realen Abenteurer Oskar Speck. Das machte die Zuhörer neugierig: Wie ist es, Wahrheit und Fiktion zu vermischen?

 Den Anfang in Neuss machte Tobias Friedrich. „Der Flussregenpfeifer“ ist der erste Roman, den der Sachbuchautor verfasst hat.

Den Anfang in Neuss machte Tobias Friedrich. „Der Flussregenpfeifer“ ist der erste Roman, den der Sachbuchautor verfasst hat.

Foto: Claudia Büchel

Kurz vor dem offenen Meer hört Tobias Friedrich auf zu lesen. Ausgerechnet. Denn die Zuhörer im Saal der Stadtbibliothek brennen darauf, mehr zu erfahren. Sie wollen wissen, wie es dem Abenteurer Oskar Speck in seinem Faltboot ergangen ist – nun, da er die Flusspassagen hinter sich gelassen hat und das Meer vor im liegt. Jetzt können sich die Besucher den Roman „Der Flussregenpfeifer“ selbst zulegen – oder, so fügt Helga Schwarze von der Stadtbibliothek Neuss mit einem Schmunzeln hinzu, sich auf die Warteliste zur Ausleihe setzen lassen.

Aber der Reihe nach: Die 23. Auflage des Literarischen Sommers startete in Neuss mit einem Roman: „Der Flussregenpfeifer“ ist das erste literarische Werk von Tobias Friedrich, der bislang Sachbücher verfasste oder Musik für seine Bands schrieb. „Wir sind außerordentlich froh, mit einem Debüt beginnen zu können“, sagte Claudia Büchel, Leiterin der Stadtbibliothek. Dort werden in diesem Jahr alle fünf Neusser Lesungen der Festivalreihe stattfinden: Auf dem Programm stehen außerdem ein Kinderbuch, ein Sachbuch und mit „Die drei gibt es nicht“ sowie „Die Mauersegler“ ein unterhaltsamer und ein nachdenklicher Text. Los ging es am Mittwochabend aber mit einem Roman, der auf einer wahren Begebenheit beruht.

Bei seinen Sachbuchrecherchen ist Tobias Friedrich nämlich auf den bis heute noch größtenteils unbekannten Abenteurer Oskar Speck gestoßen. Und hat damit eine spannende Lebensgeschichte aufgedeckt: Speck, so erklärt Friedrich zur Einleitung, wohne eigentlich in Hamburg. Nach der Weltwirschaftskrise hat er seine Tätigkeit als selbstständiger Elektrikermeister aufgeben müssen. Als er in einer Zeitung liest, dass es in einer Kupfermiene in Zypern Arbeit gibt, kommt er auf eine Idee: Es ist das Jahr 1932, als Speck kurzerhand sein Hab und Gut packt und zu seinem Faltboot greift, das er einst von seiner Schwester geschenkt bekommen hat. Er kratzt seine letzten Ersparnisse zusammen, um mit dem Zug nach Ulm zu reisen. Von dort aus möchte er mit seinem Faltboot bis nach Zypern rudern.

Friedrich beginnt zu lesen, lässt schöne Landschaften, Weinberge, Wiesen und Blumenfelder an seinem Protagonisten vorbeiziehen. Im gleichmäßigen Rudertakt hat Speck genügend Zeit, zu reflektieren: Er denkt an seine Familie, die ihn unaufgeregt verabschiedet hat, an seine Freundin Lieselotte, die ihn daran erinnert, das „Wiederkehren“ nicht zu vergessen. Auf seiner Reise trifft Speck immer wieder auf Menschen, die ihn berreichern. Einer gibt ihm den Namen „Flussregenpfeifer“, so heißt nämlich auch ein Vogel, der als nicht besonders gesellig gilt. Andere finden Specks Vorhaben „wahnsinnig“.

Entsprechend überrascht reagieren die Zuhörer im Saal der Stadtbibliothek auch, als der Autor ankündigt, dass Speck nicht nur bis Zypern, sondern am Ende gar bis Australien gepaddelt ist – währrenddessen die Nationalsozialisten in Deutschland aus ihm gar einen nationalen Helden machen wollten. Davon erfährt das Publikum bei der Lesung jedoch nicht viel, es sind ausschließlich Passagen aus dem ersten Teil des Buches, die der Autor vorstellt – gerade so, dass genug Neugier für den weiteren Teil geschaffen wurde. Besonders spannend und gleichzeitig unglaublich wird die Handlung deswegen, weil sie auf einer wahren Begebenheit beruht. Diesbezüglich hat auch das Publikum einige Fragen an den Schriftsteller, der angibt, dass gut die Hälfte aller Figuren real sind, die andere Hälfte erfunden wurde.

 In „Der Flussregenpfeifer“ geht es um Oskar Speck. 

In „Der Flussregenpfeifer“ geht es um Oskar Speck. 

Foto: Verlag

Während seines Schreibprozesses – Friedrich hatte bereits 2008 die Idee für seinen Roman – sei er selbst durcheinander gekommen, welche Passagen nun wahr und welche Fiktion sind. Die Recherche war umfangreich. Einiges habe er online gelesen, sei dann aber auch in ein australisches Museum gefahren, das einen großen Nachlass von Oskar Speck verwaltet. Darauf durfte er zugreifen, auch das Tagebuch, das Speck führte, habe er gelesen. Besonders ausführlich habe er darin aber nur das erste Drittel seiner Reise beschrieben. Und so nimmt das Publikum nach der Lesung vor allem eins mit: Die Bereicherung um das Wissen, dass es mit Oskar Speck einst einen Faltboot-Abenteurer gegeben hat.

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