Neuss: Auf den Spuren von William Shakespeare

Schauspieler aus Neuss und seine Liebe zu Shakespeare: Auf den Spuren von William Shakespeare

Norbert Kentrup ist ein renommierter Shakespeare-Darsteller. Jetzt ist sein Buch „Der süße Geschmack von Freiheit“ erschienen.

Beinahe 400 Jahre liegen zwischen der Entscheidung zweier junger Männer, die Theaterwelt zu erobern. Aus Stratford-upon-Avon brach William Shakespeare 1587 nach London auf und wurde dort zum größten Dramatiker aller Zeiten. Aus Neuss machte sich 1966 Norbert Kentrup auf den Weg, um an der Essener Folkwangschule das Handwerk des Schauspielers zu lernen. Mit der Schulbildung des Quirinus-Gymnasiums hatte der 1949 Geborene nicht viel anfangen können. Später zog es ihn nach Bremen, Frankfurt, in viele weitere deutsche Städte, schließlich sogar nach London.

Dort trat er, inzwischen längst ein renommierter Shakespeare-Darsteller, im wieder errichteten Globe-Theater auf. Aber auch seine Heimatstadt Neuss profitierte von Kentrups Wanderung, denn seit nunmehr 27 Jahren zieht das Globe an der Rennbahn die Shakespeare-Freunde von nah und fern in seinen Bann. Der Rundbau wurde vor allem durch die Initiative Norbert Kentrups 1991 vom westfälischen Rheda-Wiedenbrück an den Rhein gebracht und ist damit als Spielstätte um sechs Jahre älter als die 1997 eröffnete Londoner Theater-Replik.

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Kentrups Lieblingsrolle aus dem Shakespeare-Kosmos ist Falstaff. Dessen opulenter und anarchischer Lebenslust ist sein Theaterbuch nachempfunden, das jetzt als Autobiographie unter dem Titel „Der süße Geschmack der Freiheit“ erschienen ist. Der üppig illustrierte 560-Seitenband handelt von dem unbeirrten Drang des „Nüsser Jong“, sich den einengenden Strukturen der subventionierten Theater zu entziehen. Und es führt dabei kenntnisreich zurück in die siebziger und achtziger Jahre, als die Bühnenkünstler im Sog der Zeit radikale Mitbestimmung übten oder neue freie Theatergruppen gründeten. Plastisch und faszinierend schildert Kentrup in seinem Buch die mühevollen Anfänge dieser Sucht nach Autonomie. Hierzu gehört die Gründung der später so berühmten „bremer shakespeare company“. Als diese schließlich in die Böttchergasse, also die feinste Adresse der Hansestadt, umziehen durfte, wurde es für ihr Gründungsmitglied Norbert Kentrup Zeit, sich nach neuen Herausforderungen umzusehen.

Den Falstaff spielte Kentrup auch in der ersten Inszenierung, die das Neusser Globe 1991 zeigte. Über dessen Ähnlichkeit mit dem Original äußert er sich deutlich: „Es (gemeint ist der Neusser Rundbau) ist eine wahnwitzige Mutmaßung, wie das Globe gewesen sein könnte. Architektonisch stimmt einfach nichts. Trotzdem funktioniert dieses Theater.“ Das fand auch der Amerikaner Sam Wanamaker. Beinahe sein ganzes Leben lang hatte er davon geträumt, auf der Londoner Bankside an der Themse einen wirklich originalgetreuen Nachbau des Globe zu errichten. Als er den Deutschen Norbert Kentrup als Falstaff sah, wusste er, dass dieser Schauspieler die Eröffnung seines neuen Theaters krönen sollte. Dann ging er noch einen, anfangs nicht unumstrittenen Schritt weiter: Der Deutsche Norbert Kentrup sollte beim „Merchant of Venice“ in London den Juden Shylock spielen. Ein Wagnis, das mit riesigem Erfolg belohnt wurde. Mit 64 Vorstellungen und 85.000 Zuschauern aus der ganzen Welt kam der Neusser Norbert Kentrup auf der Londoner Shakespeare-Bühne dem Barden aus Stratford so nahe wie nie zuvor.

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