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„Schöne Bescherungen“ in Neuss

Im Landestheater weihnachtet es schon

Eddie (Niklas Maienschein) kann es seiner schwangeren Frau Patty (Juliane Pempelfort) nie Recht machen. FOTO: MARCO PIECUCH

Neuss Am RLT gibt es neben dem Weihnachtsstück für Kinder auch eins für Erwachsene: Alan Ayckbourns Komödie „Schöne Bescherungen“.

Neun Personen haben sich zum Feiern verabredet. Gastgeber sind Neville und Belinda. Ihr Wohnzimmer (Bühnenbild von Jan Hendrik Neidert) ist derart mit Kunst vollgestopft, dass man sich im großen Neusser Nachbardorf glaubt.

Angereist sind die Geschwister mit Anhang. Erwartet wird aber auch ein bisher noch unbekannter Gast namens Clive, weil der mit Belindas Schwester Rachel verbandelt werden soll. Im ersten Akt wird gekocht und ferngesehen. Als Bildschirm dient der Zuschauerraum, und Onkel Harvey hat seinen Spaß mit den alljährlich wiederholten Westernfilmen. Ihm, dem langjährigen Chef eines Sicherheitsdienstes, kann es gar nicht genug knallen. In der Küche steht Phyllis und alle wissen, dass sie nicht nur die Bratensauce in Rotwein ertränken wird. Ihr Mann Bernhard hilft ihr über kleinere und größere Unpässlichkeiten hinweg, denkt aber vor allem an die Vorbereitung seines alljährlichen Puppenspiels. Weiterhin gibt es noch Eddie und dessen hochschwangere Frau Patty.

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Auch an Silvester gibt es eine Vorstellung

Bevor dann nach dem dritten Akt der Vorhang fällt, ist der Christbaum umgeknickt und das Wohnzimmer liegt voller Leichen. Die übrigen singen „Oh du fröhliche“. In den zwei Stunden dazwischen hat die Regisseurin Caroline Stolz ein spitzenmäßiges Feuerwerk an Situationskomik und Gefühlstragik gezündet, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Vieles dreht sich zwar um die Kinder, vor allem die Geschenke und das Puppenspiel, aber sie tauchen auf der Bühne nie auf. Dafür der Schriftsteller Clive, und der bringt, einem Schnellkochtopf gleich, die erotischen Vibrationen der Damen zum Brodeln.

Auch bei Rachel, gespielt von Anna Lisa Grebe, obwohl die sich, verklemmt und verhuscht, in ellenlangen Ausweich-Sätzen zum Thema Sex verhaspelt. Grebe gibt der jungen, von Liebeslust noch nicht sonderlich berührten Frau genau die richtige Prise Nachholbedarf für die Festtage und -nächte. Das Gleiche gilt für Mirjam Schollmeyer in der Rolle der Phyllis. In der Küche und im Eheleben eine alkoholdurstige Zicke, wird sie bei der Begegnung mit Clive von Cupidos Pfeilen in die erogenen Zonen getroffen. Als der junge Mann sich ziert, heißt es pikiert: „Sind Sie etwa ein homosexueller Schriftsteller?“

Nein, das ist Benjamin Schardt in dieser Rolle nicht. Schon gar nicht, wenn ihm Schirmeister als Belinda aus dem Mantel hilft. Als Inspiration für die Begegnung der beiden könnten Marilyn Monroe und Arthur Miller gedient haben. Wie ihre berühmte Vorgängerin zieht Schirmeister alle Register einer unschuldigen Verführerin. „Bin ich nervös, weil Sie Schriftsteller sind?“ haucht sie ihr Gegenüber an, um Sekunden später eins drauf zu legen: „Normalerweise bin ich viel interessanter.“ Schon in der ersten Nacht lassen Belinda und Clive es unter dem Baum krachen bis die Geschenke platzen. Ehemann Neville (Peter Waros) spült den Frust mit einem Sherry herunter: „Die gute alte Belinda“.

Für den besseren Rhythmus des Abends hat sich Caroline Stolz einen Trick einfallen lassen. Immer wenn im Ablauf die Routine droht, schaltet sie auf schnellen Vorlauf, und schon wuseln die Figuren mit doppeltem Tempo im Salon herum. Am Schluss aber, wenn der schießwütige Onkel Harvey (Carl-Ludwig Weinknecht) seinen Revolver zieht, gibt es Slow Motion. Man merkt dieser Inszenierung der Intendantin ihre Vorliebe für gute Komödien an, und das Ensemble (auch Niklas Maienschein als Eddie, Juliane Pempelfort als Patty und Ulrich Rechenbach als Bernhard) zieht willig mit.