Exkursion an den Neusser Rhein Exkursion - Was das Wasser so mit sich bringt

Neuss · Steine gibt es am Rheinufer wie Sand am Meer. Was auf den ersten Blick unspektakulär erscheint, erzählt mit dem nötigen Fachwissen eine Geschichte, die mehrere hundert Millionen Jahre umfasst.

Neuss: Fotos von Steinen am Uedesheimer Rheinabschnitt - ihre Geschichte
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Welche Geschichte steckt hinter den Steinen am Uedesheimer Rheinabschnitt?

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Foto: Georg Salzburg (salz)

Geologin Angela Herzberg befasst sich im Berufsalltag mit dem Rhein als Trinkwasserlieferant. Nebenbei bietet sie in Kooperation mit der Volkshochschule Exkursionen an den Uedesheimer Rheinabschnitt an. Warum liegt das hier? Wo kommt es her? Wie alt ist es? Nur einige der Fragen, die bei einem Ausflug mit der Geologin beantwortet werden.

„Die meisten Steine, die wir hier sehen, sind sehr alt“, so die Geologin – ungefähr 400 Millionen Jahre, aus dem so genannten Unterdevon. Sie stammen aus dem Schwarzwald, dem Odenwald und dem rheinischen Schiefergebirge. Mit rund fünf Metern pro Sekunde ist der Rhein beim aktuellen Mittelwasser unterwegs und spült schätzungsweise 2500 Kubikmeter Wasser pro Sekunde rheinabwärts. Dabei bringt er alle möglichen Feststoffe mit sich, pro Jahr rund fünf bis acht Tonnen Sediment. Und tausende asiatische Körbchenmuscheln. „Wo die herkommen, bringen sie Glück – dem Rhein aber nicht, weil es einfach zu viele sind. Sie verdrängen unsere natürlich vorkommenden Muscheln“, erzählt Herzberg. „Stellen Sie sich vor, alle vier Minuten fährt in der Mitte des Rheins ein Lastwagen voll beladen an uns vorbei. Das ist das, was sich – während wir hier stehen – im Rhein bewegt.“

Der Flussabschnitt ist ein Gleithang, an dem der Rhein bei Niedrig- und Mittelwasser nur wenig Energie hat. Dadurch lässt er schwimmende Objekte fallen. „Beim nächsten Hochwasser im September nimmt er alles wieder mit“, weiß Herzberg. „Die Steine, die wir jetzt hier sehen, haben voriges Jahr um die Zeit noch nicht hier gelegen. Sie wurden frisch aus Monheim oder Köln hierher transportiert.“ Die Bewegung des Wassers reibt die Steine ab, verleiht ihnen eine glatte, abgerundete Oberfläche. Längsachsen lassen immer auf einen Fluss schließen, Steine in Kugelform weisen hingegen auf chaotische Bewegungen durch ein Meer hin. Auch allerlei bunte Halbedelsteine liegen am Ufer, „Jaspis“ werden sie genannt. Sie bestehen aus hartem Material „und sehen aus wie versteinertes Nougat“, findet Herzberg. Angespült werden sie aus einem Nebenfluss des Mains.

Neben einer Lupe hat die Geologin immer einen Hammer dabei. Zur besseren Bestimmung schlägt sie Steine auf und kann so im Inneren Minerale erkennen. Ihre Lieblingssteine sind schwarze, marmorierte Radiolarite, im Volksmund als „Kieselschiefer“ bekannt. Das Besondere an ihnen: Sie bestehen aus Kleinstlebewesen, den Strahlentieren, die zum Plankton gehören. Radiolarite sind das härteste Material, das sich am Rheinufer findet. Die winzigen Lebewesen – um die Tierchen zu sehen, braucht es ein Elektronenmikroskop – waren jeweils nur 0,05 bis 0,1 Millimeter groß und stammen aus einem weit entfernten Meer in etwa 5000 Meter Tiefe, erzählt Herzberg. Rund 380 Millionen Jahre sind sie alt.

Zu den jüngsten Steinen am Rheinufer zählt die Basaltische Schlacke, die vor 10.000 bis 200.000 Jahren bei den letzten Ausbrüchen der Vulkane in der Westeifel entstand. „Geologisch gesehen ist das sehr jung, das war praktisch vorgestern“, sagt die Geologin. Der Stein zeichnet sich durch seine poröse Oberfläche und Entgasungslöcher aus. Hält man ihn ins Sonnenlicht, lassen sich kleine glitzernde Kristalle erkennen. Seine in Teilen rote Oberfläche stammt von Lava. Die rote Farbe aber generell als Indikator für Vulkanherkunft zu nehmen, funktioniert nicht. „Normalerweise lassen Rot oder Gelb darauf schließen, dass Eisenoxide an der Bildung beteiligt waren.“

 Am Uedesheimer Rheinabschnitt finden sich neben Steinen abertausende Muscheln, sogenannte asiatische Körbchenmuscheln.

Am Uedesheimer Rheinabschnitt finden sich neben Steinen abertausende Muscheln, sogenannte asiatische Körbchenmuscheln.

Foto: Georg Salzburg (salz)
 Geologin Angela Herzberg gibt im Rahmen von Exkursionen spannende Einblicke in die Welt der Steine und deren Historie.

Geologin Angela Herzberg gibt im Rahmen von Exkursionen spannende Einblicke in die Welt der Steine und deren Historie.

Foto: Georg Salzburg (salz)
 Auch Halbedelsteine, sogenannter „Jaspis“, die aus einem Nebenfluss des Mains stammen, lassen sich in Uedesheim finden. Foto: salz

Auch Halbedelsteine, sogenannter „Jaspis“, die aus einem Nebenfluss des Mains stammen, lassen sich in Uedesheim finden. Foto: salz

Foto: Georg Salzburg (salz)
 Radiolarite bestehen aus winzigen Strahlentierchen.

Radiolarite bestehen aus winzigen Strahlentierchen.

Foto: Laura Wagener
 Frische Bruchstellen helfen bei der Bestimmung von Steinen. 

Frische Bruchstellen helfen bei der Bestimmung von Steinen. 

Foto: Laura Wagener
 Die Basaltische Schlacke erhält ihre rote Farbe durch Vulkanlava.

Die Basaltische Schlacke erhält ihre rote Farbe durch Vulkanlava.

Foto: Laura Wagener

Zu den ungewöhnlichsten Funden in Herzbergs Karriere zählte ein Mammutzahn am Kölner Rheinufer. Selten finde man auch Feuersteine nördlich von Düsseldorf. „Sie sind Zeugen der vorletzten Eiszeit, da gab es den Düsseldorfer Lobus. Da ist das Eis bis nach Düsseldorf gekommen und hat aus dem Norden Feuerstein mitgebracht“, weiß die Geologin. Wer einen dieser Steine findet, weiß: Bis dorthin ging der Eisrand.