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Neus: Was macht ein Inspizient? Berufe am Theater werden vorgestellt

Berufe am Theater : Ein unsichtbarer Befehlshaber

Philip Dreher ist Inspizient am RLT. Er sitzt in jeder Vorstellung im Schauspielhaus auf der großen Bühne. Aber fürs Publikum ist er unsichtbar.

Bei jeder Vorstellung im Schauspielhaus ist er dabei. Sitzt auf der Bühne und ist doch für die Zuschauer nicht zu sehen. Aber ohne Philip Dreher geht es nicht, denn der 37-Jährige ist der Inspizient. Der einzige des Rheinischen Landestheaters.

Dreher sitzt auf der Schnittstelle „zwischen dem künstlerischen und dem technischen Bereich“, sagt er, kommt in der Regel dazu, wenn die Hauptproben beginnen (meistens also zwei Wochen vor der Premiere) und ist dann mit seinem Inspizientenbuch dabei, um all das einzutragen, was für ihn bei den Vorstellungen der Produktion wichtig ist. „Man muss sich meine Arbeit vorstellen wie die eines Zugbegleiters bei der Bahn“, sagt Dreher, „ich mache Einrufe, Durchsagen, gebe Gongzeichen, Einsatzzeichen...“ Eben alles, was zum Gelingen einer Vorstellung beiträgt. Was auch heißt: „Der Inspizient hat eine große Verantwortung.“

Wenn der Lichtwechsel in einem Stück passend kommt, wenn ein Schauspieler die Bühne betritt, wenn Pyrotechnik eingesetzt ist – der Einsatzbefehl dazu kommt im RLT vom Inspizienten. In der Regel steht sein Tisch mit Computer und Monitor in den Vorstellungen rechts auf der Bühne (vom Zuschauer aus gesehen), aber unsichtbar fürs Publikum. Dreher hat ein Headset auf, redet mit der Technik über Interkom und gibt Handzeichen, „wenn ich Sichtkontakt habe“, sagt er – zum Beispiel, wenn der rote Vorhang im Theater zu- oder aufgezogen werden soll. „Das wird bei uns noch manuell mit Hilfe eines Seils gemacht.“ Oder er bedient die sogenannten Lichtampeln. So stellt er sie auf „Grün“, wenn die Türen zum Saal öffnen oder schließen sollen, oder ruft auf diese Weise einen Schauspieler hinter der Bühne nach vorn auf die Bühne.

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Der Inspizient muss leise reden können und dennoch verständlich sein. „Das ist manchmal nicht ganz einfach“, gibt er zu, „besonders am Anfang.“ 48 Stunden pro Woche, sieben bis acht Premieren pro Spielzeit, eine entsprechende Zahl an Vorstellungen – Dreher ist in normalen Zeiten viel im Theater, aber sagt auch: „Es gibt immer Wochen, in denen ich nicht auf 48 Stunden komme. Das gleicht die Zeit, wenn ich ständig arbeite, wieder aus.“

Seit 2019 ist der 37-Jährige Inspizient am RLT, war zuvor Regieassistent an Freilichtbühnen und hatte dort  auch schon alles gemacht, was ein Inspizient am Theater machen muss. „Ein Ausbildungsberuf ist das in Deutschland nicht“, sagt er, weiß aber, dass an einer Änderung gearbeitet wird. „Im angloamerikanischen Raum braucht es drei Jahre, um Stage Manager zu werden.“ Theatererfahrung aber sollte ein Inspizient auf jeden Fall haben, sagt Dreher, und die habe ihm seine Zeit in der Regieassistenz vermittelt. Dass er danach anders als andere nicht hauptberuflich Regisseur oder auch Dramaturg geworden ist, kommt ihm derzeit – auch in Kurzarbeit – wie ein Segen vor.

Allerdings war ihm, der in Saarbrücken geboren wurde und heute in Neuss lebt,  die Laufbahn am Theater keineswegs vorgezeichnet. Noch im Studium Theater- und Medienwissenschaften in Erlangen lag sein Fokus  auf Medien. Doch nach dem Studium merkte er als Dozent an einer Uni,  dass „das deutsche Uni-System“ nicht wirklich der richtige Weg für ihn war. „Danach hab ich Videos mitproduziert und im Webdesign gearbeitet“, erzählt er. Als er schließlich nach seiner Zeit als Regieassistent eine Hospitanz am Theater Essen in der Inspizienz begann, kam ihm eine Suchanzeige des RLT unter der neuen Intendantin Caoline Stolz in die Finger. Er bewarb sich und wurde genommen.

Doch ausgerechnet die erste Premiere in Neuss ging für ihn (fast) schief. „Die geistesgegenwärtigen Bühnentechniker haben mich gerettet“, sagt er und lacht. Denn Dreher hatte zum Schluss des „Streichholzschachteltheaters“ zwar den Einsatz zum Rausfahren des Bühnenbildes gegeben, „aber den falschen Knopf gedrückt“. Die Techniker wunderten sich nur, dass sie keinen Einsatz bekamen, „kamen runter, weil sie wussten, dass er hätte kommen müssen.“ So fiel das Versehen des Inspizienten noch rechtzeitig auf – nur der Zuschauer merkte nichts. „Zum Glück“, sagt Dreher, der „auf jeden Fall noch in der nächsten Spielzeit“ am RLT bleiben will.