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Neuss: Neuanfang in der "Gummizelle"

Neuss : Neuanfang in der "Gummizelle"

Weil Brigitte Verbeeten und Lydia Engels in ihrem alten Job nur noch Frustrierendes erlebten, kehrten sie dem Versicherungswesen den Rücken. Sie wollen Dinge verkaufen, die glücklich machen. Zum Beispiel Fruchtgummi.

Vor dem Irrsinn des Alltags sind Lydia Engels und Brigitte Verbeeten in eine Gummizelle geflohen. Ihre Gummizelle — auch wenn "Gillberts Gummizelle" über dem Eingang steht. Aber so heißt nun einmal der Laden, wo die beiden Mittfünfziger dem Traum von einem erfüllten Berufsleben verdächtig nahe gekommen sind.

Sachen, die glücklich machen, wollten sie verkaufen. Dazu mussten beide aus alten Bahnen ausbrechen. Jahrelang hatten sie zusammen Versicherungen verkauft. "Blut-Versicherungen", wie sie heute sagen, die bei Tod oder Krankheit fällig wurden. Nützlich, aber nicht wirklich schön. Und ein Produkt, das zumindest teilweise nur die Hinterbliebenen glücklich macht. Also gar nicht das, was sich Engels und Verbeeten so vorstellten. Sie wollten Glück im Hier und Jetzt — und kamen so zu Fruchtgummis und Lakritze.

Lydia Engels kam aus dem Bankfach, wo sie 20 Jahre tätig war. Vor 16 Jahren wechselte die heute 53-Jährige in die Versicherungsbranche, wo sie vor mehr als zehn Jahren mit Brigitte Verbeeten (57) traf. Die gelernte Großhandelskauffrau war nach zehn Erziehungsjahren 1993 zurück ins Berufsleben gekommen, ebenfalls in die Versicherungsbranche.

Die beiden Frauen taten sich zusammen, doch aus der Büro- wurde zunehmend eine Leidensgemeinschaft. Geplatzte Termine oder Auseinandersetzungen mit Versicherten und Versicherungen sorgten für immer mehr Frust. Der überschattete nicht nur daheim den häuslichen Frieden. "Das wahre Leben spiegelte sich zunehmend in unseren Gesichtern", erklärt Verbeeten. Die Mienen hellten sich nur in einem Solinger Haribo-Outlet auf, wo sich beide ihre "Frustbärchen" kauften, wenn sie mal wieder so richtig die Nase voll hatten.

Genau dort und an genau so einem Tag entschieden beide, den Job hinzuschmeißen. Wirkten nicht auch all die anderen Schnuckelsachen-Käufer ringsum seltsam seelig? Warum nicht also dieses Gefühl selbst herbeiführen? Drei Monate später eröffneten sie im Einkaufszentrum Römerstraße im Netto-Markt ihre Gummizelle und gelten in der Nachbarschaft, wie sie frei bekennen, schon als "die dicken lustigen Tanten."

Dabei hat Brigitte Verbeeten schon drei Kilo abgenommen, obwohl sie sich (noch) jeden Abend eine süße Tüte für daheim zusammenstellt. Aber anders als früher sitzt sie eben nicht den ganzen Tag, sondern schleppt und rackert, mischt und packt. Und weil sie das gerne tut, schließt sie die gemeinsame "Zelle" am Wochenende ab und bietet ihre Glücklichmacher auf Straßenfesten oder Märkten an.

(NGZ)