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Navid Linnemann aus Neuss berichtet in seinem Buch "Stanbul" über Istanbul vor 100 Jahren.

Navid Linnemann aus Neuss : Geschichten aus der neuen Heimat Istanbul

Vor vier Jahren ist Navid Linnemann ausgewandert. In seinem ersten Buch erzählt er über das Istanbul vor 100 Jahren.

In der oberen Etage des Café Heinemann nippt Navid Linnemann, der gerade seine alte Heimat Neuss besucht, an seinem Cappuccino. Lieber hätte er schräg gegenüber einen türkischen Tee getrunken, verrät er. Der 29-jährige Neusser ist nämlich im Istanbul-Fieber. Vor vier Jahren ist er in die Metropole am Bosporus ausgewandert; vor allem der Liebe wegen. „Aber eigentlich gefällt mir alles an der Stadt – die Atmosphäre, die Menschen, das Essen, ständig Neues, das es zu entdecken gibt“. Auch die Dimensionen der Mega-City – 15 Millionen Einwohner auf 5,5 Quadratkilometern – schrecken ihn nicht ab, im Gegenteil. „Die berühmten Plätze sind natürlich voller Leben; es gibt aber auch ruhige Ecken, etwa unsere Wohngegend. Ich mag beides.“ Im Jahr 2015 hat sich Linnemann, der seit mehr als zehn Jahren Mitglied der Grünen in Neuss ist und einige Jahre Sprecher der Grünen Jugend war, bei einem Sprachkurs in die Stadt Istanbul und die Türkin Dilek verliebt. „2017 haben wir in Fenerbahce am Meer geheiratet“, erzählt er. Die Eheschließung habe jedoch nichts zu tun gehabt mit der Änderung seines Vornamens, betont Linnemann. Noch während seines sozialwissenschaftlichen Studiums in Siegen habe er seinen deutsch-englischen Vornamen – Genaueres mag er nicht verraten – gegen den persischen Namen Navid eingetauscht. „Er passt einfach besser zu mir – das haben auch meine Kommilitonen gesagt.“

Das Cover des ersten Linnemann-Buches „Stambul – Geschichten zwischen Sultanat und Republik“. Foto: Linnemann

Über Menschen, die in seiner neuen Heimat vor rund 100 Jahren gelebt haben, hat Linnemann, der sein Geld als Autor, Blogger, Copy-Writer und Übersetzer verdient, sein erstes Buch „Stambul – Geschichten zwischen Sultanat und Republik“ verfasst. „Ich kenne die Orte, an denen die Geschichten spielen, habe in Zeitungsarchiven über die Ereignisse damals recherchiert und Literatur deutscher Autoren über Istanbul gelesen, etwa von Karl May“, zählt er auf. So ist im Laufe eines Jahres eine Sammlung von 15 spannenden Begebenheiten rund um Menschen, die in oder um die Stadt am Bosporus leben, entstanden, die sich teils vor, teils während und teils nach dem Krieg zutragen. „Manche Erzählungen sind frei erfunden, andere beruhen auf wahren Ereignissen, die mir Menschen dort, die Zeitzeugen kannten, erzählt haben.“ Das sei etwa der Fall bei der Kurzgeschichte über Berber Ömer, einem Barbier, der für den Widerstand kämpft.

Geschichtenerzähler Linnemann versteht sich selbst weniger als Pendler zwischen zwei Welten, sondern vielmehr als Kosmopolit, der sich überall zuhause fühlen könnte, weniger Pläne macht als eher das tut, was ihn momentan gerade interessiert. „Hätte ich das Startkapital, würde ich sofort ein Café mit deutschen Kuchen in Istanbul aufmachen – die Türken lieben sie“, überlegt er. „Ich könnte aber auch ein weiteres Buch schreiben.“ Einen Plan lässt er sich aber dennoch entlocken: „Wenn Kinder da sind, könnte ich mir vorstellen mit meiner Familie nach Neuss zurück zu ziehen.“