NaNaya um die Sängerin Thea Soti spielten im Kulturkeller Neuss

Konzert im Kulturkeller Neuss : Jazzmusik aus dem Schmelztigel Balkan

Jazzsängerin Thea Soti und das Ensemble „NaNaya“ legten im Konzert ihre biografischen Wurzeln offen.

Historisch ist die Balkan-Region im Südosten Europas ein „Melting Pot“. Dort prallten der christliche Okzident und der muslimische Orient aufeinander, diese Region war oft Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen. Aber schon damals war der Balkan auch das Gebiet in Europa, in dem kulturelle Diversität auf die Menschen identitätsstiftend wirkte – über Landes- und Religionsgrenzen hinweg.

Die Kulturtraditionen des Christentums und des Islams, aber auch des Judentums und der russisch-orthodoxen Kirche verschmolzen zu einem komplexen Amalgam, dessen einzelne Segmente zwar deutlich sichtbar blieben, die Grenzen zwischen den Schichten aber fließend waren.

Die mittlerweile in Köln lebende Sängerin Thea Soti ist ein Kind dieses Schmelztiegels. Als Ungarin ist sie in Serbien geboren und groß geworden, um Jazzgesang zu studieren, ist sie nach Deutschland gezogen. Aus der Entfernung zeigte sich ihr die Balkan-Region als prachtvolles Mosaik, und sie begann, von ihrer „imaginären“ Heimat, dem Jazz und der improvisierten Musik, ihre realen biografischen und geografischen Wurzeln offenzulegen.

Dieser drängende Wunsch wurde ihr dann zum Impuls für die Gründung von NaNaya mit den drei Deutschen Daniel Scholz auf der arabischen Kurzhalslaute Oud, Johannes Keller auf dem Kontrabass und Jonas Pirzer auf dem Schlagzeug. Grenzen musikalisch zu überwinden, aber auch zu setzen, Brüche als Gestaltungselemente der Improvisationsmusik des Quartetts herauszuarbeiten und Kontraste im Formverlauf zu verschärfen: All das kennzeichnete das Konzert von NaNaya im Neusser Kulturkeller.

Die konkrete, reale Volksmusik aus Sotis Heimat wurde zum Samenkorn, aus dem heraus eine prachtvoll blühende, imaginärer Folklore erwuchs. Singt Soti mit ihrer modulationsstarken, zwischen archaischem Ausdruck und zeitgenössischer Aussagekraft changierenden Altstimme rein vokal, so ritzt sie das akustische Abbild beispielsweise einer Hirtenflöte in die Matrize, das aber ein anderes Gepräge erhält, wenn Scholz mit der Oud Türen weit in den melismatischen Klangraum arabischer Musik öffnet. In ihren Liedversen erzählt Soti zumeist schlichte Geschichten, Themen wie Heimat, Liebe, Suche oder Verlust gewinnen durch die rhythmisch so ausgefuchste und dynamisch so ausdifferenzierte Improvisationsmusik an Tiefe und stellen andere Sinnzusammenhänge her. Wenn Soti ihre berückenden, durch die Kultur des Balkan geprägten Melodien zu Gehör bringt, zieht sie sich auf den sicheren Boden der ihr bekannten Welt zurück, um den Blick frei zu bekommen auf das Fremde. Erst mit ihrer intuitiven Improvisationskunst überschreitet sie Grenzen und trifft dort draußen auf das ihr Unbekannte, das im Prozess des Kennenlernens seine Bedrohung verliert.

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