Nach der Europawahl: Die Neusser Grünen spüren die Bürde des Sieges

Nach der Europawahl in Neuss : Die Grünen und die Bürde des Sieges

Mit 22,7 Prozent bei der Europawahl überholen die Neusser Grünen die SPD deutlich. Doch was bedeutet dieser Erfolg für den politischen Alltag? Ratsfrau Jenny Olpen (29) versteht das Ergebnis als Arbeitsauftrag: „Wir müssen jetzt liefern.“

Wenn nicht die zweitstärkste politische Kraft in der Stadt einen Bürgermeister-Kandidaten aufstellt, wer soll es dann noch tun? Das sieht Susanne Benary (54) auch so. Die Vorsitzende der Neusser Grünen, kündigt an, sie werde ihrer basisdemokratischen Partei empfehlen, zum erwarteten CDU-Bewerber auch eine grüne Alternative als Herausforderer von Bürgermeister Reiner Breuer (50, SPD) aufzustellen, wenn im Herbst 2020 der Rathaus-Chef gewählt wird. Ob sie selbst Ambitionen hat, ins Rennen zu gehen, lässte Benary offen. 2015 trat sie an, fuhr aber lediglich knapp sechs Prozent der Stimmen ein.

Nach ihrem großen Erfolg (22,7 Prozent) bei der Europawahl am Sonntag sehen sich die Grünen in einer neuen Rolle. Dem Gewinner gehört die ungeteilte Aufmerksamkeit, die Erwartungshaltung der Wähler wächst – mit Blick auf Personalentscheidungen und inhaltliche Initiativen. Jubel war gestern, Konzentration auf die Tagespolitik ist heute. Das Ergebnise sei ein „schönes Signal“, sagt Michael Klinkicht (56), aber auch eine Verpflichtung: „Die Wähler erwarten nun, dass der grüne Kern in unserer Politik auch erkennbar wird.“ Der Chef der Ratsfraktion, seit 1999 im Amt und somit dienstältester Fraktionsvorsitzender im Rat, weiß, „dass Wähler schnell ungeduldig werden.“

Bündnis 90 / Die Grünen hat erstmals die SPD kreisweit als zweitstärkste Partei hinter der CDU abgelöst. Das neue Selbstbewusstsein werden die Grünen auch mit einem eigenen Landratskandidaten zeigen. Zwar müssen die Mitglieder am 26. Juni darüber noch verbindlich befinden, aber Beobachter gehen davon aus, dass es neben Andreas Behncke (SPD) auch einen grünen Herausforderer für Landrat Hans-Jürgen Petrauschke (CDU) geben wird. Zwei Politik-Schwergewichte haben ihr Interesse bereits angemeldet: Kreissprecher Christian Gaumitz und der frühere Landtagsabgeordnete Hans Christian Markert – beide aus Kaarst.

Das Himmelfahrts-Wochenende nutzt Michael Klinkicht, um sich klar zu werden, was der Europawahl-Erfolg für die Grünen in Neuss bedeutet. Ihm sei bewusst, sagt er, dass das Ergebnis nicht eins zu eins auf die Kommunalwahl im nächsten Jahr zu übertragen sei, aber Klima- und Umweltschutz sei das Thema seiner Partei: „Da benötigen wir ein Handlungskonzept.“ Stärkung des Öffentlichen Nahverkehrs gehöre ebenso dazu wie ein besseres Radwegenetz. Da stimmt Jenny Olpen (29) ihrem Fraktionsvorsitzenden zu. Gerade die jungen Menschen – „Jeder dritte der Unter-30-Jährigen hat grün gewählt“ – hätten der Partei einen Arbeitsauftrag erteilt: „Da müssen wir vor der Kommunalwahl noch einiges liefern.“ Die Gespräche mit dem Koalitionspartner CDU seien nicht immer leicht, „aber das Ringen um die richtige Lösung gehört zur Demokratie.“

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