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Neuss: Moster gibt Romanfiguren echtes Gefühl

Neuss : Moster gibt Romanfiguren echtes Gefühl

Der in Finnland lebende Autor und Übersetzer Stefan Moster las beim "Literarischen Sommer" aus seinem Roman "Die Frau des Botschafters". Darin geht es um das Gefühl, gebraucht zu werden, oder jemanden anderen zu brauchen.

Die Frage, der sich Autor Stefan Moster immer als erstes stellen muss lautet: Warum Finnisch? Dem Autor, der am Dienstag im Rahmen des "Literarischen Sommers" in der Stadtbibliothek seinen jüngsten Roman "Die Frau des Botschafters" vorstellte, war diese Frage einst so lästig, dass er eine Zeit lang stets mit irgendeiner Geschichte antwortete.

Indes war die Erklärung, warum ein Deutscher sich entschließt, in Finnland zu leben und als Übersetzer für finnische Literatur zu arbeiten, an diesem Abend eher zweitrangig. Viel interessanter waren die Einblicke in das Leben von Botschaftern, Diplomaten, die normalerweise dazu da sind, komplizierte Beziehungen zu anderen Ländern zu vereinfachen. Denn in diesem Metier spielt sein 2013 erschienener Roman.

"Deutschland und Finnland sind so freundschaftlich verbunden, dass ein deutscher Botschafter in Finnland völlig überflüssig ist", meinte der Autor, fügte belustigt und doch ernst hinzu, dass solche überflüssigen Amtsinhaber ihre Bedeutungslosigkeit meist durch besonders majestätisches Verhalten zu kompensieren versuchten.

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Und so kommt auch dem fiktiven deutschen Botschafter in seinem Roman eine eher untergeordnete Rolle zu. Denn die Frage, die der Autor sich stellt, lautet: Wie lebt und fühlt die Frau eines solchen Diplomaten? Natürlich ist dennoch allerhand diplomatentypisches Verhalten und Gerede in den Roman eingeflossen. So viel, dass die Frau des stellvertretenden deutschen Botschafters ihn darauf angesprochen hätte, dass sein Roman sehr lebensnah sei, erzählte Moster. Während der echte Deutsche Botschafter seit Erscheinen des Buches nicht mehr mit ihm spreche ...

So plauderte Moster allerhand Interessantes aus dem Nähkästchen, und natürlich las er auch mehrere Kapitel vor. Bezeichnend, dass er bei der Auswahl das Augenmerk ausschließlich auf Oda, die Frau des Botschafters, und ihre aufkeimende Freundschaft zu einem finnischen Fischer namens Klaus darstellte. Eine Figur, die sich gerade mit ihrer augenscheinlichen Einfachheit sowohl für den Leser als auch für Oda als sehr viel interessanter entpuppt als der Diplomaten-Ehemann.

Besonders lebensnah gerät Moster die Beschreibung von Odas behindertem Sohn Felix und dessen Leben in einem Pflegeheim. Dafür, so erzählte Moster, habe er von den Erfahrungen aus seiner eigenen Vergangenheit als Zivildienstleistender profitiert. Nicht nur die Beschreibung des Kindes und der Umgebung sind daher so greifbar, sondern auch die psychische Belastung, mit der Oda zu kämpfen hat, weil sie sich mit schweren Schuldgefühlen plagt, ihrem Mann einen gesunden Erben vorenthalten zu haben. Ähnliches hätten ihm in seinem Zivildienst tatsächlich viele Mütter behinderter Kinder berichtet, sagte der Autor. "Das war eine Zeit, die offenbar sehr eindringlich war", erläutert er weiter und ergänzt: "Ich nutze Dinge, die ich erlebt habe, oft zum Schreiben."

So ist ein Roman entstanden, in dem die Verbindungen zwischen einem eigentlich nutzlosen Botschafter, einer schuldbeladenen Mutter und einem scheinbar einfach gestrickten Fischer ein großes Thema auffächern: "Das Gefühl, gebraucht zu werden, oder jemand anderen zu brauchen", wie der 50-jährige Autor es sagte.

(NGZ)