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Neuss: Mit Stoff und Faden

Neuss : Mit Stoff und Faden

Fast vier Meter Durchmesser haben die Arbeiten, die die Bildhauerin Alke Reeh "Decke genäht" betitelt. In der Alten Post zeigt die Düsseldorferin unter dem Titel "so oder so" Werke, die sich mit der Form beschäftigen.

Sie stickt, faltet und näht – und ist Bildhauerin? Bei Alke Reeh ist auf den ersten Blick nichts wie es scheint. Der ostfriesische Vorname der in München Geborenen ist nur eine spontane Entscheidung der Eltern, das Gitter vor der Häuserfront auf dem großformatigen Foto nur vermeintlich und aus der Ferne eines aus Metall. Denn Stich für Stich hat die Künstlerin es aus Garn auf das Foto gestickt, was dem Ganzen aus der Nähe etwas Filigranes gibt. "so oder so" ist denn auch der überaus passende Titel ihrer Ausstellung in der Alten Post, für die sie einige Arbeiten extra gemacht hat.

"Decke genäht" heißen einige ihrer großformatigen Wandarbeiten, aber die mit dem Zusatz "(beige)" ist schon mit der großen Foyerwand im Geiste entstanden. Den Stoffarbeiten, die an Rosetten in Kirchenfenstern erinnern, sieht man die unglaublich akkurate Vorarbeit auf den ersten Blick nicht an. Anfangs hatte die an der Kunstakademie Düsseldorf (bei Rinke) ausgebildete Bildhauerin noch gedacht, sie könne die Stoffstücke mit Hilfe mathematisch berechneter Schablonen schneiden und aneinandersetzen. Ging aber nicht, stattdessen musste sie sich Schritt für Schritt zum Endprodukt hinarbeiten – von den ersten kleinen Papierproben bis hin zu den richtig zugeschnittenen Stoffstücken, die sich am Ende scheinbar wie von selbst zu einer beeindruckenden skulpturalen Arbeit von großer Präzision zusammenfügen.

Gerade dieser Weg ist es, den Klaus Richter, in der Alten Post für die Bildende Kunst zuständig, so beeindruckt: "Da wird wirklich mit dem Material gearbeitet." Alke Reeh lächelt nur, aber kommt in Fahrt, wenn sie erklärt, woher sie die Anregungen für diese Arbeiten nimmt: "Aus der Analyse der Formen." Die reiche Ornamentik in arabischen Häusern, vor allem aber Kuppeln in Gebäuden überall auf der Welt hat die weit gereiste Düsseldorferin studiert, fotografiert und in neuen Zusammenhängen verarbeitet.

Das Stoffliche aber bleibt. Wenn sie mit der bildlichen Umkehrung aus einer Kuppel eine reich verzierte Schale macht und das Foto auf den Boden eines Tablettes aufzieht, gesellt sie ihm eine Sammeltasse bei, der sie ein ästhetisches Gitter aus blauem Stickgarn übergestülpt hat.

Ein bisschen verändert Reeh damit die Wirklichkeit. Zuerst fürs Auge und dann auch für den Geist. Selbst wenn der nach der ersten Irritation zurück zur gewohnten Chiffre "Tasse" oder "Haus" findet. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass der eigene Blick oft in einer Art Rasterfahndung hängen bleibt.

(NGZ)