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"Schulwerkstatt Blitz" gut angelaufen: Mit Spielzeug Richtung Hauptschulabschluss

"Schulwerkstatt Blitz" gut angelaufen : Mit Spielzeug Richtung Hauptschulabschluss

Wer kennt sie nicht, die momentane Unlust, genau das zu tun, was erwartet wird. So kommt es immer wieder vor, dass Schüler einfach nicht zum Unterricht gehen und sich weigern zu lernen. Aber dramatisch wird es, wenn zum Schwänzen dann noch familiäre, soziale und persönliche Probleme hinzukommen: Dann ist es eher unwahrscheinlich, dass diese Schüler überhaupt ihren Abschluss schaffen.

"Vielen Jugendlichen fehlt dazu das Vorbild der Eltern", weist Schulrat Dieter Reich, zuständig für alle 14 Hauptschulen im Kreis Neuss, darauf hin, dass "Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit - die Haupt-Schlüsselqualifikationen, die die Wirtschaft fordert," nicht mehr erlernt würden und ein aggressives Verhalten dazu führe, dass das soziale Miteinander leide. Die "Schulwerkstatt Blitz" soll nun Abhilfe schaffen: Das Kooperationsprojekt der Hauptschule Gnadentaler Allee, des Jugendamtes der Stadt Neuss, der Schulverwaltung und des Sozialdienstes Katholischer Männer (SKM) Neuss bietet Jugendlichen des 7. und 8. Schuljahres die Möglichkeit, außerhalb des Klassenverbandes praxis-orientiert das Lernen und Arbeiten einzuüben.

Ziel ist es, nach der intensiven Begleitung durch einen Lehrer, eines Handwerksmeisters und einer Pädagogin wieder in die Schule zurückzukehren, um den Hauptschulabschluss ernsthaft anzugehen. "Ab dem 10. Schuljahr gibt es gute berufsvorbereitende Maßnahmen, wenn Schüler Schwierigkeiten haben, aber vorher sind sie fast auf sich allein gestellt", beklagt Ursula Neef vom Jugendamt der Stadt Neuss. Gemeinsam mit Klaus Winkels, Leiter des Kontakt Erfttal, hat sie das Projekt entwickelt. In enger Zusammenarbeit mit der Hauptschule Gnadentaler Allee werden seit diesem Schuljahr 15 Mädchen und Jungen in der "Schulwerkstatt Blitz" unterrichtet - zunächst rein von Schulseite aus.

Seit Januar 2002 sind die Mittel von der Bezirksregierung genehmigt, so dass nun das ganzheitliche Konzept umgesetzt werden kann: An zwei Vormittagen werken die Schüler im Kontakt Erfttal, dessen Träger, der SKM, nicht nur Räume, sondern auch zwei Mitarbeiter zur Verfügung stellt. Ein engagiertes Team mit gutem Draht zu den Jugendlichen steht bereit: die Pädagogin Claudia Eichler, Schreinermeister Hubert Menk und Lehrer Franz Roggendorf. Individuelle Neigungen und Fähigkeiten im künstlerischen und handwerklichen Bereich werden angesprochen, so dass das Lernen den Mädchen und Jungen sichtbar Spaß macht. Ein gemeinsames Mittagessen, das selbst vorbereitet wird, rundet die Vormittage ab.

An den anderen Tagen werden sie an ihrer Schule von Roggendorf und drei Kollegen individuell unterrichtet, vor allem in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Englisch. Dabei geht es nicht nur um das Erlernen, spielerisch wird ihnen praktische Mathematik beim Erstellen von Holzspielzeug nahe gebracht. Doch wichtig ist auch das Einüben von sozialen Verhaltensregeln und ein friedlicher Umgang miteinander. Bei auftauchenden familiären Problemen kümmert sich die pädagogische Mitarbeiterin auch um die Ursachen, um einen "Rückfall" zu vermeiden. "Wir können uns intensiv um die benachteiligten Schüler kümmern, während die bisherigen Klassen ruhiger ablaufen", beschreibt Hannelore Weist, Leiterin der Hauptschule, die Vorteile der Schulwerkstatt. "Wir haben schon den ersten Erfolg verbuchen können", berichtet sie: Der erste Schüler konnte aus der Förderklasse in den regulären Unterricht zurückkehren.

Um dieses Ziel zu erreichen, ziehen alle am langfristigen Projekt Beteiligten an einem Strang: Die Finanzierung sichern das Land NRW, die Stadt Neuss, das Schulamt, der SKM und die Pierburg-Stiftung. Dazu kommen Spenden der Daimler-Chrysler-Niederlassung Neuss. "Ich bin sehr froh, dass wir mit diesem Projekt Jugendlichen helfen können, eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu erhalten", betonte Dieter Reich, der darauf hinwies, dass es "wahre Völkerwanderungen in Richtung Hauptschule" gebe - aus 180 Schülern, die vor vier Jahren zur Hauptschule wechselten, sind in diesem Schuljahr 475 geworden. Da falle es schwer, diese Schülermassen gut zu integrieren. Dieses Projekt helfe dabei, einigen Schülern wieder eine Perspektive zu geben. Carina Wernig

(NGZ)