Neuss: Mit leisen Tönen Grenzen überwinden

Neuss: Mit leisen Tönen Grenzen überwinden

Die deutsch-libanesische Band Masaa verschaffte sich mit verhaltenen Klängen Gehör im Kulturkeller.

Es braucht nicht viel, um einander zu begegnen: Sympathie, um andere Menschen kennenzulernen, Empathie, um seinem Gegenüber tief in die Seele zu schauen, und Neugierde, um das, was um einen herum passiert, in sich aufzunehmen. Musik im Allgemeinen und Jazz im Besonderen können dafür Medium sein; das stellte zumindest die deutsch-libanesischen Band Masaa im Kulturkeller Neuss am vergangenen Sonntag in den Fokus ihres Konzertes.

Masaa ist das arabische Wort für Abend. Die Zeit also, wenn die strahlende Helligkeit des Tages noch nicht verschwunden, die tuffige Dunkelheit der Nacht aber noch nicht aufgezogen ist. Wenn die Hektik des Tages abfällt und man beieinander sitzt, um zu reden und zu lachen. All das geschieht am Abend, dieser tiefblauen Stunde an der Grenzlinie zwischen Tag und Nacht.

Die Improvisationsmusik von Masaa ist verhalten und zurückgenommen. Die Klänge werden sparsam in den Neusser Gewölbekeller getupft, sie sind ausgedünnt, wie auf das Wesentliche reduziert. Clemens Pötzsch deckt beispielsweise mit der Hand die Klaviersaiten ab, um mit nur zwei gedämpften Noten den tonalen Raum zu markieren. Demian Kappenstein gibt wiederum mit leisen Schlägen auf den Trommeln den Rhythmus vor und Pablo Giw, der in Neuss für den erkrankten Marcus Rust eingesprungen ist, kündigt in einer weiten Girlande auf der Trompete den Einsatz von Rabih Lahouds modulationsstarker, variationsreicher Stimme an.

Lahoud lernte die arabischsprachigen Lieder seiner Heimat Libanon als Kind kennen - weltliche Lieder ebenso wie religiöse der muslimischen und der christlichen Gemeinde. Doch später wollte er lieber die klassische Klavierliteratur lernen, darum kam er nach Deutschland, wo er etwa die Klavierkonzerte eines Beethoven studierte. 2010 traf er die drei Deutschen. Man entschloss sich, fortan als Band die Grenzen zwischen der klassischen Musik Europas und dem Jazz aus den USA aufzuheben, um so die wunderschöne, mäandernd melismatische Melodik der arabischen Musikgattung Maqam und den prägnanten Duktus der arabischen Sprache erstrahlen zu lassen.

Auch davon hat das Konzert dieser vier jungen Musiker erzählt: Wie einfach es ist, Grenzzäune zu ignorieren, um sich einen Raum für ein Klanglabor zu schaffen - zum kreativen Diskurs und musikalischen Experiment. Und je lauter das Geschrei draußen etwa über die "Flüchtlingspolitik" der EU geworden ist, desto notwendiger ist es, als Künstler die Stimme zu senken, um sich Gehör zu verschaffen. Darauf haben sich die vier Musiker von Masaa konzentriert; nicht mehr, aber auch nicht weniger.

(NGZ)