Neuss: Mit "Heimatabend" zurück nach Neuss

Neuss: Mit "Heimatabend" zurück nach Neuss

Der in Berlin lebende Musikproduzent Jochen Kühling hat in den späten 1980er Jahren in Neuss gelebt und in der damaligen Musikszene viel Neues kennengelernt. Jetzt kommt er mit dem "Heimatabend" und neun Musikern ins RLT.

Ein Leben ohne E-Gitarre mag möglich sein — aber für Jochen Kühling nicht denkbar. Doch bevor ihm dieses Bekenntnis über die Lippen kommt, reißt er in seiner Begeisterung jeden mit, dem er von einer Musik erzählt, in der die E-Gitarre keine große Rolle spielt. Dafür ein Gimbri, eine Oud oder das Sambaphon. Im Sommer vergangenen Jahres hatte er in der Komischen Oper Berlin das Konzert "Heimatabend — Heimatlieder aus Deutschland" organisiert, und vor ausverkauftem Haus sangen und spielten Männer und Frauen aus der ersten und zweiten Einwanderergeneration die Lieder ihrer Heimat in ihrer jetzigen Heimat Deutschland. Eben mit Instrumenten wie die dreiseitige Langhalslaute (Gimbri) oder der Kurzhalslaute (Oud) etwa beim Auftritt von "La Caravane du Mahgreb".

Dass sich aus diesem Abend eine richtige Konzerttour entwickeln würde, scheint Jochen Kühling immer noch zu erstaunen. Schnell gab es einen Folgetermin in Göttingen, diverse Anfragen liegen auch für die nächste Zeit schon vor, aber erst mal kommen neun Bands und Solisten mit ihren "Heimatliedern" nun nach Neuss ins RLT. Was für Kühling, der seit 1999 in Berlin lebt und mit einer Pressereferentin verheiratet ist, fast wie eine Heimkehr ist.

"In Neuss bin ich erwachsen geworden", sagt er und lacht, "denn dort hatte ich meine erste eigene Wohnung". Aus Cloppenburg kam der damals 20-Jährige, begann eine Lehrer als Industriekaufmann bei Walter Rau. Drei Jahre blieb er, spielte Handball bei der TG und erzählt heute lachend, dass er immer noch ein T-Shirt mit NGZ-Aufschrift besitzt, das er als Handballspieler mal bei einem Turnier bekommen habe müsse. Vor allem aber tat er sich in der damals sehr lebendigen Neusser Musikszene um.

Es war die hohe Zeit des Further Hofs: "Drinnen sah es aus wie heute in einer coolen Londoner Bar", sagt er, "man ging durch eine Flügeltür in einen Saal, wo die Bands spielten." Und zu den Neusser Musikern, die ihn stark beeindruckten, gehörte der Keyboarder Jürgen Dahmen. Mit ihm hat er später auch noch als Produzent zusammengearbeitet. "Durch Neuss", so sagt Kühling heute, "habe ich Blues, Soul und Jazz kennengelernt." Vorher stand mehr Grunge ganz oben auf seiner persönlichen Geschmacksliste.

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Auch nach der Neusser Lehrzeit, dem anschließenden BWL-Studium in Bielefeld, der Zeit als Angestellter in einer Unternehmensberatung in Rommerskirchen und als selbstständiger Unternehmensberater gehörte seine Liebe der Musik — vornehmlich aus dem Rock: "Ich habe sehr viel Geld auch in Bands investiert", sagt der heute 49-Jährige.

Ende 1999 — da wohnte er Hamburg, hatte sein eigenes Label gegründet — war er eigentlich auf dem Sprung nach London: "Weil mir in Deutschland langweilig wurde." Es war nicht das erste Mal, dass es ihn forttrieb — zwischen Lehre, Studium und Unternehmensberatung war er in Paris, in Houston oder in Caracas unterwegs. Doch jetzt lernte er einen Türken aus Berlin und dessen Heimat-Musik kennen. "Ein Türke hat mich überzeugt, in Deutschland zu bleiben", kommentiert er heute seine Entscheidung, nicht nach London, sondern nach Berlin zu gehen. Und nur, weil ihm die türkischen Musikprojekte zu politisch wurden, hat er davon wieder gelassen. Aber er entdeckte die Musik und Lieder anderer Immigranten — in Kneipen, im Freundeskreis.

Und irgendwann war dann die Erkenntnis da: "Diese Vielfalt ist die neue Welt." Das machte ein Projekt wie den "Heimatabend" erst möglich. Und ist dennoch nicht der Schwerpunkt seiner Produzentenarbeit: "Ich mache, was mich interessiert und mir gefällt", sagt er lachend. Und das ist — bei aller Begeisterung für die "Heimatlieder" — immer noch die Rockmusik. Mit der E-Gitarre.

(NGZ)
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