Neuss: Mit der Sprache der Bilder

Neuss : Mit der Sprache der Bilder

Neuss Der eine hat sich der "Widerspenstigen Zähmung" gewidmet, der andere dem "Sommernachtstraum": Nicht nur die Auswahl der Komödie unterscheidet Edward Hall von der englischen Watermill Propeller Production und Serge Maszlobojscsikov vom ungarischen Castle Theatre Gyula voneinander, auch pflegen sie völlig unterschiedliche Regie-Handschriften.

Neuss Der eine hat sich der "Widerspenstigen Zähmung" gewidmet, der andere dem "Sommernachtstraum": Nicht nur die Auswahl der Komödie unterscheidet Edward Hall von der englischen Watermill Propeller Production und Serge Maszlobojscsikov vom ungarischen Castle Theatre Gyula voneinander, auch pflegen sie völlig unterschiedliche Regie-Handschriften.

Und dennoch sind der Engländer und der Ungar unabhängig voneinander beide auf die gleiche Idee gekommen, um in die Geschichten einzusteigen: Auf einer Hochzeit wird ein Schauspiel gezeigt, und flugs gehören die Gäste mit zum Spiel-Personal. Wenn das nicht Shakespeares Internationalität unterstreicht ... was dann?

Solcherlei Beobachtungen gehören mit zu den schönen kleinen Überraschungen, die das Festival seinem regelmäßigen Besucher beschert; die Erkenntnis, dass Shakespeare auch dann funktioniert, wenn man kein Wort versteht, zu den schönen großen. Im Gegensatz zu Englisch ist Ungarisch auch nicht ansatzweise zu enträtseln - obwohl die Übersetzung von Ádàm Nádasdy überaus reizvoll sein muss, wie Spachkundige versichern -, aber die deutschen Übertitel vermitteln immerhin eine Ahnung von der Richtung, die im Deutschen vermutlich am ehesten der von Shakespeare-Übersetzer Frank Günther entspricht: poetisch, aber auch derb. Volkstheater eben.

Letzteres trifft als Charakteristikum auch auf Maszlobojscsikovs Inszenierung zu. Er zeigt mit leichter Hand, dass die Komik der Komödie durchaus noch mit eigenen Einfällen gesteigert werden kann. Wenn etwa die Liebespaare Hermia, Lysander, Helena und Demetrius im Wald wieder aufeinander treffen, nachdem Puck mit dem Zauberkraut in der Vierer-Konstellation allerhand durcheinander gebracht hat, stellt er die Liebe der beiden Männer auf eine Schwert-Probe: Wer der beiden in Helena Verliebten lässt sich zum Beweis von ihr Hand, Kopf, Finger abschlagen? Für einen winzigen Moment zeigt sich, wozu Liebe eben auch fähig ist, aber bevor es wirklich tragisch wird, finden Regisseur und seine Schauspieler mit kleinen Gesten instinktsicher zurück zur komischen Seite der Geschichte.

Maszlobojscsikov hat seine Einfälle behut- und sorgsam platziert. Das indische Fürstenkind, das Streitobjekt zwischen dem Elfenkönigspaar Titania und Oberon, ist eine Babypuppe, mit der allerdings recht rüde umgegangen wird; die Verblendung, die Titania sich in den zum Esel verzauberten Handwerker Zettel vergucken lässt, findet ihren Höhepunkt, als sie auf den Knien rutschend die Kissen für sein Bett zusammen sucht, die er zuvor mit dem Fuß markiert hat: Die Bilder sprechen ihre eigene Sprache. Aber erklären nicht unbedingt immer alles. Der Blick zu den Untertiteln ist somit keineswegs überflüssig und hilft bei der Orientierung: Wo im Stück sind wir gerade?

Ungewohnt und manchmal auch nervig ist dagegen die permanente Musikberieselung im ersten Teil der Aufführung. Und noch etwas bleibt für eine Wiederbegegnung mit der ungarischen Truppe zu wünschen: Dass sie mehr mit dem Globe spielt, statt es gänzlich zu verhängen.

(NGZ)
Mehr von RP ONLINE