Neuss: Millionen-Investition schützt Leben am Rhein

Neuss : Millionen-Investition schützt Leben am Rhein

Deichgräf Gerd Eckers ist zuständig für den Neubau und die Unterhaltung von Deichen und Hochwasserschutzmauern im Stadtgebiet.

Die Bewohner von Grimlinghausen können bei Rheinkilometer 735 die herrliche Aussicht auf den Fluss genießen - und fühlen sich dabei, als treiben sie selbst in einem Boot auf dem Rhein. Denn dort wurde die 2003 fertiggestellte und 5,6 Millionen Euro teure Hochwasserschutzmauer in Form eines Schiffes gestaltet.

Bis ans Obertor stand das Hochwasser. Foto: Woitschützke, Andreas (woi)

Es war die letzte große Investition der Stadt in den Hochwasserschutz, und seitdem gelten die Neusser Polder - mit Ausnahme von Teilen des Industriehafens - als sicher. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass im kommenden Frühjahr am Reckberg ein Stück des Deiches, den die Menschen zum Schutz vor ihrem jahrhundertelang gefürchteten Nachbarn Rhein aufgeworfen haben, abgetragen und höher neu aufgebaut wird.

Nirgendwo ist dieser Schutzwall so schön wie in Grimlinghausen. Bänke laden zum gemütlichen Verweilen ein, während unterhalb der Rhein gemächlich vorbeiströmt. Trotz der vielen Regenfälle in den Augustwochen. "Tagelanger Regen beeinflusst unseren Pegelstand so gut wie gar nicht", erklärt Gerd Eckers, Leiter der Tiefbaumanagements der Stadt Neuss. Eher steige das Wasser, wenn der Mittelrhein und dessen Nebenflüsse hohes Wasser führen oder in den Alpen der Schnee schmilzt. "Wenn es in Koblenz viel regnet, schauen wir in unser digitales System", erklärt Eckers.

Der Deichgräf ist mit vier Kollegen - bei Hochwassergefahr schwillt seine "Mannschaft" auf 170 Mitarbeiter und Helfer an - für den Hochwasserschutz in der Quirinusstadt zuständig. Momentan befindet sich der Rhein auf einem Niveau von weniger als vier Metern. Im Winter allerdings kann das schnell vorbei sein. Dann nämlich ist die Hochwassergefahr am größten. "Neuss ist in Sachen Hochwasser überfällig", bemerkt der 40-Jährige, der das Tiefbaumanagement seit vier Jahren leitet. Denn das letzte wirklich große Hochwasser liegt schon fast 20 Jahre zurück. Im Winter 1995 stieg der Rhein in Neuss bis zu einem Pegel von 11,03 Meter.

Die Höhe der 1380 Meter langen Schutzmauer, die sich von südlich Grimlinghausen bis zur Erftmündung erstreckt, richtet sich nach dem so genannten Bemessungshochwasser (BHW). Das wird alle zehn Jahre - zuletzt 2004 - von der Bundesanstalt für Gewässerkunde in Karlsruhe neu berechnet und von der Bezirksregierung in Düsseldorf festgesetzt. Maßgeblich für die Höhe des BHW am Neusser Pegel, dessen Messeinrichtung sich am Hafenbecken I befindet, ist der Rheinwasserstand bei Rheinkilometer 740,2. Dort hat das BHW 2004 eine Höhe von 12,41 Meter. Über diesen Pegel hinaus wurde beim Bau der Deichmauer in Grimlinghausen ein sogenanntes Freibord von einem Meter berechnet. "Um eventuellen Wellenschlag abzufangen", erklärt Eckers.

Spannend wird es für die Mitarbeiter des Tiefbaumanagements bei einem Pegelstand ab 6,80 Metern. Dann gibt Andreas Körschenhausen, der den Neusser Rheinpegel ständig beobachtet, erste Hinweise an seine Kollegen. "Zunächst werden die Wege im Deichvorland gesperrt", sagt Eckers. Das war auch in diesem Frühjahr nötig. Bei 7,50 Meter wird ein Notfalltelefon eingerichtet, ab 9,80 Meter ist das Büro des Hochwasserdienstes rund um die Uhr besetzt und ab 10,10 Meter schließen die Deichtore.

"Für die Bewohner in Grimlinghausen droht praktisch keine Gefährdung", sagt Eckers. Anders sähe es aus für Häuser, die in der Nähe des Sporthafens stehen. Dort können ab einem Pegel von 9,40 Metern Keller volllaufen. "Die Leute dort kennen das aber und treffen ihre eigenen Schutzmaßnahmen", sagt Eckers, der nach einem Hochwasser immer auch die Entsorgung des Treibguts in die Wege leitet. Die Wassersport treibenden Vereine tun das in Eigenregie und starten damit sogar alljährlich in die Saison.

Mauern und Deiche schützen auch vor Eisschlag, bei dem sich Eisschollen auftürmen. "Allerdings ist es sehr unwahrscheinlich, dass der Rhein zufriert", sagt Eckers. Dafür sei das Rheinwasser, das auch von der Industrie weiter flussaufwärts als Kühlwasser genutzt würde, heute zu warm. Den letzten Eisgang gab es 1942. Damals konnten die Menschen von Grimlinghausen über den Rhein nach Kappeshamm wandern. Und der Nachbar Rhein zeigte ein ganz anderes Gesicht.

(NGZ)