Neuss: Menschen ohne Aussicht auf Zukunft

Neuss : Menschen ohne Aussicht auf Zukunft

Reinar Ortmann inszeniert Horváths Gesellschaftskritik "Zur schönen Aussicht" am RLT mit Blick auf den Menschen, der an sich scheitert.

Der ganze Raum wirkt schmuddelig. Selbst das Landschaftspanorama an der Wand scheint lieblos hingemalt. Aber vorerst gibt das Hotel "Zur schönen Aussicht" den Menschen in ihm noch Halt. Denn innerlich ist schon alles kaputt bei Direktor Strasser, Kellner Max, Chauffeur Karl und dem einzigen zahlenden Gast Ada von Stetten. Sie sind schon lange Ruinen ihres alten Ichs. So lange sie unter sich sind, macht jeder den anderen klein, überdeckt damit das eigene Elend. Der Dreiakter "Zur schönen Aussicht" gehört zu den frühen Stücken des österreichischen Dramatikers Ödön von Horváth, stammt von 1926. RLT-Intendantin Bettina Jahnke wollte es selbst inszenieren, musste die Arbeit aus Krankheitsgründen dann an ihren Chefdramaturgen Reinar Ortmann abgeben. Der liefert eine respektable Arbeit ab.

Dieser ersten Komödie fehlt es zweifellos noch an vielen Feinheiten, die Horváths spätere wie "Kasimir und Karoline", "Geschichten aus dem Wiener Wald" oder "Glaube Liebe Hoffnung" zu heute noch viel gespielten Stücken machen. Aber schon in der "Aussicht" geht es um das Scheitern, waren die Menschen mal andere: Strasser ein Offizier, Max ein Künstler und Ada gehörte zu einer respektablen Adelsfamilie, heute kommt für sie als ständiger Begleiter nur noch einer wie Karl in Frage, ein verurteilter Totschläger. Auch die weiteren dazukommenden Besucher - Sektvertreter Müller, Adas Bruder Emanuel - haben mal bessere Zeiten gesehen. Der Reisende Müller war mal Autoverkäufer, Emanuel ist heute ein Spieler.

Der Menschlichste von ihnen ist Kellner Max. Stefan Schleue stellt mit seinem zwischen Sarkasmus, Rührung und Unbeholfenheit schwankenden Max alle in den Schatten. Bei ihm stimmt jede Geste, jedes noch so kleine Augenrollen, jeder seine Auftritte ist ein perfekt choreografiertes und sprachlich fein austariertes Glanzstück. Nun gibt seine Rolle solcherlei auch her, ähnliches gilt auch für Ada von Stetten, die Katharina Dalichau als herrschsüchtige Schlampe spielt.

Aber auch alle anderen machen ihre Sache gut. Georg Strohbach ist ein knalliger Sektvertreter Müller, Jan Kämmerer ein viril-brutaler Chauffeur Karl, Michael Meißner spielt den Emanuel mit der Verzweiflung desjenigen, der seine einstige Noblesse aufrechterhalten will. Und Strasser? Bei Andreas Spaniol ist er kein Schmierlappen, sondern ein Mensch, der an nichts mehr glaubt und nichts mehr fühlt. Und so sieht er in Christine, mit der er ein Verhältnis hatte und die nun mit ihm und dem gemeinsamen Kind leben will, nur eine Bedrohung. Chance ist sie erst, als sich rausstellt, dass sie Geld hat. Shari Asha Crossons Christine ist dabei nicht mehr als ein naives Mädchen, das um seiner selbst Willen geliebt werden will. Doch in dem Punkt gehört auch sie zu den Gescheiterten, zieht aber die Konsequenz und geht.

Die Horváthsche Gesellschaftskritik spielt in Ortmanns flotter Inszenierung nur eine untergeordnete Rolle. Ihm geht es um den Menschen, der an sich scheitert. Ivonne Theodora Storm hat ihm dafür eine Bühne gebaut und aus der Portiersloge des Hotels ein Karussell gemacht, auf das jeder aufspringt - oder auch wieder runter geschubst wird. Ein schlichtes Bild. Aber es passt, und die Inszenierung bekommt mehr Bewegung als das Stück hergibt.

(NGZ)
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