Mein erstes Mal: Mit Werner Stein zum Rudern auf den Sandhofsee.

Serie aus Neuss - Mein erstes Mal : Maximaler Durchzug - Zum Rudern auf den Sandhofsee

Mein erstes Mal: Mit Werner Stein und drei Oldenburger Freunden geht es zum Schnupperkursus Rudern auf den Sandhofsee.

Die „Sinus“ fliegt über den Sandhofsee. Für eine kurze Strecke hält die Crew den Rhythmus, den „Schlagmann in Ausbildung“ Jörg (52) vorgibt, und das Boot nimmt tatsächlich flott Fahrt auf. Dann krachen die Blätter von Thomas (57) und Guido (55) zusammen und die Sinus kommt gefährlich ins Schaukeln. „Ruhig, ganz ruhig“, ruft Steuermann Werner Stein (57), und während die Mannschaft wieder Ordnung in das Durcheinander ihrer Ruder – fachmännisch Skulls – bringt, pendelt das Boot. Als „Vierer im Untergang“ hatte Ulrich Ziegler, „Hausherr“ am Wassersportzentrum am Blankenwasser, die Ruder-Eleven bezeichnet. Aber: „Not yet“. Noch ist alles trocken an Bord.

Maschinenbau-Ingenieur Jörg, Bankkaufmann Thomas und Diakon Guido sind Jugendfreunde aus Oldenburg. Seit 30 Jahren besuchen sie sich reihum, und der Gastgeber muss für etwas Action bei diesen Treffen sorgen. Jörg, inzwischen Wahl-Düsseldorfer, hat einen Schnupperkursus Rudern verabredet. Ich darf mit an Bord und nach 25 Jahren als Kanute und „Vorwärtsfahrer“ mal die Perspektive der rückwärts fahrenden Ruderer ausprobieren. Das geht schneller als gedacht, denn der Trainer lässt kaum eine Stunde verstreichen, bevor es aufs Wasser geht.

Rudern ist in Neuss eine Größe. Und seit es am Stadtgartenweiher keinen Bootsverleih mehr gibt – das letzte Ruderboot ging irgendwann in den Bestand der Feuerwehr über – wird Rudern nur mit Sport und einem Namen verbunden: dem Neusser Ruderverein (NRV). Als größter Verein Nordrhein-Westfalens in dieser Sportart zählt er rund 650 Mitglieder, davon viele in der erfolgreichen Rennabteilung. Regattafahrer Werner Stein gehört seit 1976 dazu und rudert nicht nur gelegentlich, wie die Schwielen in seinen Händen zeigen. Die muss man sich erst einmal verdienen.

Erfolgskontrolle im Stehen: Wer hält da nicht den Rhythmus? Foto: Christoph Kleinau

Die erste Gelegenheit dazu bietet das Ruderergometer, auf das jeder Neuling muss, um den Bewegungsablauf zu trainieren. Wer sich in einem Fitnessstudio auf einem solchen Gerät schon geschunden hat, ist in der Regel für das Rudern im Boot verdorben, sagt Stein. „Die sind in ihren Abläufen viel zu festgefahren und machen zu viel mit Kraft.“ Aber derart „verbodybuildet“ sind die Schnupperer nicht. Reihum müssen sie ran und lernen: Mit dem Rollsitz nach vorne, bis die Unterschenkel senkrecht stehen und die Arme bei geradem Rücken nach vorne durchgestreckt sind – das ist die Ausgangsposition. Dann mit dem Rollsitz zurück, die Beine strecken, und erst wenn die Hände über den Knien sind, setzt der Armzug ein. „Bis zu den Rippen“, sagt Stein – für maximalen Durchzug.

Die Ausbildung fällt mit dem Ausräumen der Halle ein, in der der NRV 55 Boote lagert. Zum Glück bleiben die schlanken Rennboote beim Schnuppertraining an Land. Foto: Christoph Kleinau

Schnupperer hat Stein schon in Scharen kommen und gehen sehen. „Oft gehören sie zur Altersklasse 40plus“, sagt Stein. Sie kommen, wenn die Kinder aus dem Haus sind, weil sie etwas für sich tun wollen, durch Mund-zu-Mund-Propaganda aufmerksam geworden und immer öfter auf ärztliches Anraten. Stein als Ausbilder für Erwachsene nimmt sie alle mit, selbst Bandscheibenpatienten. Allerdings sollte deren „Vorfall“ mindestens ein halbes Jahr zurückliegen.

Werner Stein erklärt, wo das Boot beim Transport angefasst werden darf.  Stemmbrett und Diagonalstreben sind tabu, weil sie ausreißen können. Foto: Christoph Kleinau

Wer Interesse an dem Sport gefunden hat, muss einen der beiden Einsteigerkurse durchlaufen, die der NRV für Erwachsene anbietet. Der erste startet im März, der zweite im Juni – und das Ruderergometer gehört immer dazu. Normalerweise folgen zwei bis fünf Übungseinheiten im Ruderkasten, um an Land die Handhabung der Skulls und das Balancehalten im Boot zu trainieren, doch Schnupperer haben keine Zeit.

Jörg, Guido, Thomas und Trainer Werner Stein (v.r.) nach der ersten Trainingseinheit. Zum Glück sind alle trocken geblieben. Foto: Christoph Kleinau

Der NRV ist einer von sieben Vereinen, die das Wassersportzentrum und den 600 Meter langen Sandhofsee nutzen. Begonnen wurde  dort mit den Trainings der Jugendabteilung, inzwischen skullen auf dem See auch die Erwachsenen, bevor sie zur ersten Fahrt auf dem Rhein aufbrechen dürfen. Seitdem, sagt Stein, zählt der Verein jährlich rund 25 Neueintritte von Ruderern, die am Sandhofsee auf den Geschmack gekommen sind. „Der älteste Neueinsteiger seither war 75“, sagt Stein.

Ausgefahren machen die Skulls das Boot stabil und sechs Meter breit. Foto: Christoph Kleinau

Sie alle üben zuerst in einem Wanderboot wie der Sinus: gut 15.000 Euro teuer, elf Meter lang, 70 Zentimeter breit und mit nur zwei Millimeter starker Bootshaut auch ziemlich fragil. Schon das Einsteigen ist deshalb eine kippelige Sache, die geübt sein will. Und noch bevor ein Fuß auf das Einsteigbrett gesetzt werden kann, müssen die Ruder in die Dollen an den Auslegern auf beiden Seiten des Bootes montiert werden. Sie halten das Boot erst am Steg und später auf dem Wasser in der Balance, denn ausgefahren bringen die Skulls das Boot auf sechs Meter Breite. „Das Blatt auf das Wasser“, ist deshalb das Zweite, was die Schnupperer an Bord von ihrem Skipper lernen. Das Erste ist, dass sie irgendwo auf dem Steg die Grenze des demokratischen Sektors überschritten haben. Diskutiert wird nämlich nicht, „an Bord gelten klare Kommandos“, sagt Stein. „Ablegen.“

Schlank und mit zwei Millimeter starker Bootshaut fragil: die „Sinus“. Foto: Christoph Kleinau
Doppelvierer mit Steuermann: Beim Schnupperkursus mit der „Sinus“ auf dem Sandhofsee. Foto: GEORG_SALZBURG------------------
Das Einsteigen ist eine kippelige Sache. Werner Stein erklärt, wie man durch Fixieren der Ruder die nötige Stabilität im Boot erzeugt. Foto: Christoph Kleinau
Die Riemen am Stemmbrett helfen, eins mit dem Boot zu werden. Foto: Christoph Kleinau
Vor der ersten Ausfahrt mit dem Boot steht das Training auf dem Ruderergometer, wo Werner Stein die Bewegungsabläufe erklärt. Foto: Christoph Kleinau

„Eins sein mit dem Boot“, hatte der Trainer den Schnupperern eingeschärft, die sich nun – die Füße auf dem Stemmbrett fixiert und im Vertrauen auf Werner Stein an den Steuerseilen – auf den See hinaustasten. Erst zu zweit, dann zu viert rollen sie im Rhythmus der Ruderschläge im Boot vor und zurück, vor und zurück, vor und zurück – bis ein Blatt nicht schnell genug aus dem Wasser gehoben wird und im Verhakeln der Skulls alles durcheinanderkommt. „Alles in allem haben wir uns, glaube ich, ganz gut geschlagen“, sagt Guido – immer noch trocken – am Ende der ersten Trainingseinheit. Doch Jörg sieht das realistischer: „Dafür gibt es höchstens eine Teilnehmerurkunde.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: So ist das Rudern in Neuss

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