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Neuss: Marschmusik mit Weltruhm

Neuss : Marschmusik mit Weltruhm

Die Königsparade auf dem Markt ist der farbenprächtige Höhepunkt des Neusser Schützenfestes. Dazu trägt neben den Uniformen und dem 1951 eingeführten Aufmarsch der Blumenhörner auch die Musik bei.

Je 30 Tambourkorps und Blaskapellen, dazu etliche Fanfarenzüge, mit insgesamt knapp 1800 Musikern sorgen nicht nur für den richtigen Schritt, sondern unterhalten die Zuschauer mit prächtiger Marschmusik. Dabei werden die Märsche vom Komitee genau festgelegt. Kein einziger Marsch, weder beim Aufzug noch zur Parade, erklingt deshalb zweimal. Für diese, für das Publikum interessante, von der Abstimmung her aber unglaubliche Vielfalt ist vor allem die lange Tradition der Militärmusik zu Preußens Gloria und österreichisch-ungarischem Glanz ein grandioser Fundus.

Die meisten Märsche finden sich in der "Königlich Preußische Armeemarsch-Sammlung" von 1817, die durch die Heeresmarschsammlung 1925 ergänzt und erweitert wurde. Dort steht auch — allerdings unter dem Titel "Yorkscher Marsch" — der Parademarsch Nr. 1, den Ludwig van Beethoven im Jahre 1808 für die böhmische Landwehr geschrieben hat. Er begleitet am Sonntag das Neusser Jägerkorps 1823 und ist bis heute der Einzugsmarsch zum großen Zapfenstreich.

Zu den ganz alten und deshalb sehr bekannten Märschen gehört auch der Pepitamarsch, 1820 von Carl Neumann nach einem spanischen Volkstanz komponiert. Den Alexandermarsch schrieb Andreas Leonhardt 1853 zum Besuch des russischen Thronfolgers Alexander in Berlin. Der Alte Jägermarsch hingegen ist gar nicht so alt, er entstand erst zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Um die gleiche Zeit schrieb Georg Fürst den Badonviller Marsch mit dem wuchtigen Posaunentrio, der als "Badenweiler Marsch" in der NS-Zeit arg missbraucht wurde.

Andere Märsche gelangten noch zu Weltruhm. Der Erzherzog-Albrecht-Marsch von Karl Komczak wurde 1887 uraufgeführt und ist die eindrucksvolle Filmmusik zu Wolfgang Petersens "Das Boot" beim Versenken von U 96 im Hafen von La Rochelle. Oftmals verraten Märsche schon im Titel den militärischen Verwendungszweck.: Der 47er Regimentsmarsch, Kerntruppenmarsch und Defiliermärsche zeugen von alter Tradition. Der Marsch "Panzerschiff Deutschland" , von Erich Schumann 1937 für fast sinfonisches Blasorchester komponiert, wurde schnell zum Marinemarsch.

Wegen seines im Titel enthaltenen Städtenamens wird "Gruß an Kiel" (1864) heute noch zur Begrüßung ein- und auslaufender Kriegsschiffe gespielt. Bei der Neusser Schützenlust erklingt unter anderem der Marsch "Unter dem Grillenbanner". Der Schlager- und Operettenkomponist Wilhelm Lindemann wollte mit seiner Musik 1927 die Grillen (Ärger) verbannen. Beim Schützenfest kann man sicher auch sein Walzerlied "Trink, trink, Brüderlein trink" hören.

Jüngeren Datums sind vor allem echte Neusser Märsche. Den Neusser Schützenmarsch direkt zu Beginn der Parade hat Heinz W. Hilgers, langjähriger Kapellmeister vom Musikverein Holzheim, dem Altbürgermeister Hermann Wilhelm Thywissen gewidmet. Der Marsch des Neusser Jägerkorps von 1823 wurde erst von Frohsinn-Norf-Musiker Hans Johann Reinholz 2010 komponiert. Kaum älter ist der Marsch der Neusser Schützenlust von Jörg Saatkamp, mit dem das Korps auf den Markt kommt. Auch die Schützengilde hat einen eigens für sie geschriebenen Marsch. "Kirmes, Kirmes" — eine schnell liebgewonnene Neusser Eigenart ist auch das Ständchen der Grenadiersänger. Wer nach mehr als drei Stunden immer noch Lust auf Musik hat: Nach der großen Königsparade gibt es auf dem Markt noch ein kleines Platzkonzert.

(NGZ/rl)