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Neuss: Marionetten sind museumsreif

Neuss : Marionetten sind museumsreif

Die rund 100 Figuren des Puppentheaters von St. Quirin werden künftig im Clemens-Sels-Museum verwahrt. Sie sollen und können aber von den Kulturinstituten genutzt werden. Die Alte Post plant schon eine Wiederaufnahme der "Wilden Kerle" nach Maurice Sendak.

Die Schrift bedeckt fast die komplette Seite. Auf Datum, Titel und Ort der Veranstaltung folgt fast immer auch das Urteil: "Schlecht", "mäßig", aber ganz oft auch: "Super!". Akribisch hat Marianne Haefs über Jahrzehnte auf der Innenseite des Fotoalbums festgehalten, wo das Marionettentheater von St. Quirin aufgetreten ist und wie die Vorstellung war. "Das müssen rund 100 Vorstellungen gewesen sein", sagt die heute 78-Jährige mit leichtem Erstaunen in der Stimme und kann auch nur schätzen, wie viele Puppen dafür gebaut wurden: "Wohl auch an die 100."

Fast 20 Jahre hielten sie in einem Keller der Innenstadt-Pfarre einen Dornröschen-Schlaf: Aber Marianne Haefs, der Puppenbauerin und -spielerin der ersten Stunde, ließ das keine Ruhe. Sie wollte das komplette Theater in guten Händen wissen – auch wenn es gar nicht ihr, sondern der Pfarre gehört – und ging den üblichen und meist auch erfolgreichen Neusser Weg. Sie sprach mit einer Bekannten, die wiederum einer weiteren davon erzählte ... und so landete die Geschichte vom Puppentheater von St. Quirin bei Hildegard Monßen, der Vorsitzenden des Fördervereins der Alten Post.

Die war hellauf begeistert von den Marionetten, holte Klaus Richter – in der Alten Post verantwortlich für die Bildende Kunst – ins Boot, und der wiederum weckte das Interesse der Kollegen von den anderen Kulturinstituten und von Kulturdezernentin Christiane Zangs. Mit der Folge, dass die 100 Marionetten Museumsweihen bekommen. Künftig werden sie im Clemens-Sels-Museum aufbewahrt, schließlich sind die Puppen auch Zeitzeugen der Stadtgeschichte. Unter ihnen befinden sich nämlich nicht nur Sendaks "Wilde Kerle", sondern auch frühere Oberpfarrer von St. Quirin (Liedmann und Schelauske), Köpfe der Gesellschaft (Hermann Wilhelm Thywissen) und Vertreter der Schützen. Letztere werden eine Ausstellung im Schützenmuseum bereichern, und "Die Wilden Kerle", so hofft Richter, werden ihre Wiederauferstehung erleben.

Puppen sind im Top-Zustand

Er möchte gerne eine Marionettengruppe an der Alten Post bilden. Für die Wiederaufnahme kann er auf fast alles zurückgreifen, was vor 20 Jahren schon dabei war. Die Puppen sind dank guter Verpackung in einem Top-Zustand, es gibt noch die Bänder mit den Tonaufnahmen, und selbst die Bühnenbilder sind noch da. Das einzige was nur noch in Teilen vorhanden ist, ist die Bühne selbst.

Die Puppenbühne von St. Quirin wurde ausschließlich ehrenamtlich geführt. "Aber wir haben einen Haufen Geld eingenommen", erinnert sich Marianne Haefs. Was damals nicht in neues Material gesteckt wurde, ging an die Pfarre: "Eine Lampe im Quirinusmünster haben wir bezahlt", sagt sie lachend. 1977 hatte die Gruppe um Marianne Haefs, Inge Vieten und Gertrud Halbe mit dem Marionettenbauen und Aufführungen von eigenen Stücke begonnen. Mit hohen Ansprüchen – auch an die Qualität der Marionetten, von denen sich denn auch etliche in den Fundus eines Profi-Theaters einreihen würden – und oft genug auch in einer Art, die Marianne Haefs noch heute schmunzelnd als "sehr freches Kabarett" bezeichnet.

An dem Erfolg der Gruppe hatten ganze Familien Anteil. Rudi Haefs etwa hat so manchen Text gemacht und den Transport der Bühne zu den Vorstellungsorten organisiert. Aber irgendwann fehlte dem Nachwuchs durch Studienbeginn oder Berufstätigkeit die Zeit; die Gruppe begann sich aufzulösen. Und so sind die letzten Fotos im Haefschen Album von jungen Spielern und ihren selbstgebauten Puppen, die die Bühne nie betreten haben, nur mit einem Wort kommentiert: "Schade!"

(NGZ)