Maria Cecilia Barbetta beim Literarischen Sommer Neuss mit "Nachtleuchten"

Literarischer Sommer in Neuss : Intensive Geschichten kapitelweise aufgeschrieben

Die seit mehr als 20 Jahren in Berlin lebende argentinische Autorin Maria Cecilia Barbetta las beim Literarischen Sommer.

Lesen bildet. Das gilt auch für den Roman „Nachtleuchten“. Den stellte die Autorin Maria Cecilia Barbetta jetzt in der Stadtbibliothek im Rahmen des 20. Literarischen Sommers vor. Die Moderation übernahm Projektleiterin Christine Breitschopf. Barbetta entführte die rund 45 Besucher in das Buenos Aires des Jahres 1974, genauer gesagt: in den pulsierenden, von unterschiedlichsten Kulturen geprägten Stadtteil Ballester. Was die Menschen aufwühlt, ist der Tod von Juan Péron, der Präsident, der nicht nur den linken Kräften Versprechen gemacht hatte, sondern auch den Rechten.

Maria Cecilia Barbetta, Jahrgang 1972, lebt in Berlin, sie hat „Nachtleuchten“ auf Deutsch geschrieben. Und sie ist eine temperamentvolle Autorin. Das merkt man immer dann, wenn sie unglaublich lange Sätze liest, ohne ein einziges Mal Luft zu holen. Sie hat viel zu sagen, vor allem den kleinen Leuten möchte sie eine Stimme geben.

Die Aufteilung ihres Buches ist ungewöhnlich: Es besteht aus drei Teilen mit jeweils 33 Kapiteln. Den Schlusspunkt bildet das 100. Kapitel, das die Überschrift „Die vierte Dimension“ trägt. „Ich erspüre eine Intensität und baue darauf meine Geschichten auf“, erklärte die Autorin.

Diese Intensität war ihr unter anderem bei einer progressiven Nonne aufgefallen, die auf ihrer roten Vespa in Sachen Demokratie unterwegs ist. Das erste Kapitel ist nach ihr benannt: „Bloody Mary“. Schwitzt sie wirklich Blut? Ist sie eine Heilige? Auf jeden Fall unterscheidet sie sich auf vielversprechende Weise aus Sicht ihrer Schülerinnen von den „vertrockneten Pflaumen“.

„Péron hat vom Exil aus mit der Rechten paktiert, für die Linke war er eine Art Che Guevara mit dem Potenzial, das Land zu befrieden“, erzählte die Autorin, und sie erklärte damit zugleich auch, warum der Tod des argentinischen Präsidenten bei fast allen Menschen in dem Land eine so tiefe Trauer ausgelöst hat.

„Autopia“ heißt das zweite Kapitel, Wortspielereien stehen im Zusammenhang mit einem Mechaniker, der nicht nur mit Worten, sondern auch mit Werkzeugen umzugehen weiß. Diese Wortgewalt ist umwerfend, vor allem, wenn man bedenkt, dass die Autorin keine Muttersprachlerin ist – sie hat aber die Befähigung, Deutsch zu unterrichten. „Ausfahrt freihalten – Freiheit aushalten“: Dieses Wortspiel ist von Gewicht in einer Zeit, als Argentiniens Freiheit massiv bedroht ist.

„Basilisken“ sind Fabelwesen. Nach ihnen benannte Maria Cecilia Barbetta das dritte Kapitel, in dem sie den Hang zum Spiritismus in Argentinien beleuchtet – entsprechende Schulen gebe es überall im Land. „In Krefeld, nicht weit weg von hier, gibt es ebenfalls eine solche Schule“, erzählte sie dem interessierten und aufmerksamen Publikum. Es erfuhr auch, dass die deutsche Sprache die Autorin „beatmet“ – obwohl Deutsch nach wie vor eine Fremdsprache für sie sei.

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