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Neuss: "Maggikalypse": Versagen der Behörden?

Neuss : "Maggikalypse": Versagen der Behörden?

Der Gestank der Wolke, die von der Firma Silesia verursacht worden war, verzog sich gestern im Laufe des Tages. Begonnen hat nun die Aufarbeitung. Der Kreis legte einen Ablaufbericht vor, die Grünen sprechen von einem Skandal.

Nach der Kommunikationspanne rund um das Rätselraten um den Ursprung der "Gestank-Wolke" der Firma Silesia hat die Kreisverwaltung am Mittwoch mit der Aufarbeitung des Vorfalls begonnen. Gesundheitsdezernent Karsten Mankowsky legte einen Bericht vor, der genau zeigt, wie früh die Mitarbeiter des Kreises von der übel riechenden "Maggikalypse" in Allerheiligen wussten, und wie spät sie darauf kamen, dass der Liebstöckel-Geruch, den sie selbst am Morgen gerochen hatten, der gleiche war, der ganz Köln in Aufruhr versetzt hatte.

"Hinterher ist man immer schlauer", sagt Dezernent Mankowsky, der sich demonstrativ vor seine Mitarbeiter stellte: Die Meldekette sei eingehalten worden, zudem seien die Mitarbeiter nach den Kriterien des Alarmplans nicht verpflichtet gewesen, die Öffentlichkeit zu informieren, da keine Gesundheitsgefahr bestand. Umweltpolitiker sehen das anders: Der Neusser Landtagsabgeordnete Hans Christian Markert (Grüne) sprach von einem Versagen der Behörden, das skandalös sei. "Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, warum die Kreisverwaltung nicht frühzeitig informierte, und zwar weder die Öffentlichkeit, noch die Behörden in den Nachbarstädten", sagt der Abgeordnete.

Knackpunkt der Ereignisse war wohl — so legt es der Bericht des Kreises nahe — dass zwar bereits morgens um 8.30 Uhr klar war, dass es eine Betriebsstörung bei Silesia in Allerheiligen gegeben hatte, die Geruchsproben im Rhein-Kreis selbst aber nichts ergaben, da die Gestank-Wolke schon weitergezogen war. Obwohl zwischenzeitlich, um 11 Uhr, eine Nachricht der Bezirksregierung Düsseldorf mit der Bitte eingegangen war, die Geruchssituation zu überprüfen, stellten die Mitarbeiter zunächst keinen Zusammenhang zwischen der Neusser Betriebsstörung und dem Geruchsproblem im aus ihrer Sicht weitab gelegenen Köln her. Im Bericht heißt es dazu, es habe um 13 Uhr eine "Lagebeurteilung" gegeben. Die ergab folgende Schlussfolgerung: Zwar wusste man von der Betriebsstörung, aber da es vor Ort nicht roch und nur zwei Beschwerdeanrufe aus dem Kreis vorlagen, wurde entschieden, dass gemäß der Richtlinien keine öffentliche Meldung darüber notwendig sei.

Dann aber besannen sich die Mitarbeiter aber noch einmal neu — wohl aufgeschreckt durch die nun um sich greifende Berichterstattung — und riefen erneut bei der Firma Silesia an. Erst dann sei deutlich geworden, sagt Dezernent Mankowsky, dass vier Kilogramm des Aromastoffs Sotolon ausgetreten waren. "Somit war eindeutig klar, dass die Firma Silesia Verursacher der Geruchswahrnehmung von Köln bis Düsseldorf war", heißt es dazu in dem Bericht. Kurz darauf sei die Bezirksregierung unterrichtet worden.

Warum dieser "Erkenntnisprozess" so lange dauerte und keiner auf die Idee kam, die verschiedenen Medienberichte — neben NGZ-Online berichteten weitere Online-Medien sowie das Radio intensiv über die rätselhafte Gestank-Wolke — lässt sich im Rückblick kaum nachvollziehen. Ein Erklärungsversuch von Dezernent Mankowsky: "Unsere Mitarbeiter sollen arbeiten, nicht Radio hören."

Bei Landtagspolitiker Markert löst das Kopfschütteln aus. Er kritisiert, der Kreis habe seine Fürsorgepflicht verletzt. "Und die besteht auch, wenn keine unmittelbare Gesundheitsgefahr besteht", sagt Markert, der zudem auch die Pressestelle des Rhein-Kreises als eigentlichen "Kommunikationsexperten" in den Blick nimmt. Markert wirft den Presseverantwortlichen vor, den Vorfall "verpennt" zu haben. Landrat Hans-Jürgen Petrauschke weist das zurück. In der Kreisverwaltung seien nach den morgendlichen Anrufen — es waren zwei aus Dormagen — keinerlei Beschwerden mehr angekommen. Damit sei das Problem für seine Behörde erledigt gewesen. "Wir kümmern uns um unsere Bevölkerung", sagt Petrauschke. "Mehr können wir nicht tun."

(NGZ/top/csi/pst)