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Neuss: Männer-Asyl in kalten Winternächten

Neuss : Männer-Asyl in kalten Winternächten

Die "Hin- und Herberge", die Notschlafstelle für Obdachlose, hat aufgrund der Witterung die Öffnungszeiten geändert. Ein Besuch.

16.56 Uhr am Montag: Die Sonne ist gerade hinter dem Horizont verschwunden, und das Thermometer zeigt schon ein Grad Minus. Eigentlich Zeit, nach Hause zu gehen. Doch die Männer, die sich vor der Tür der Baracke am Derendorfweg herumdrücken, haben so etwas nicht (mehr). Als Obdachlose sind sie darauf angewiesen, dass sich die Tür zu der städtischen Notschlafstelle für sie öffnet. Sie ist ein Versprechen auf ein Dach über dem Kopf, ein Bett, eine Dusche und vielleicht eine warme Mahlzeit. Und immer mehr Männer sind darauf angewiesen.

An diesem kalten Abend wird kein Bett in der "Hin- und Herberge" der Stadt leer bleiben. Auch ein junger Mann, der noch um 21.30 Uhr anklopft und um Einlass bittet, findet sein Plätzchen. Er findet es, weil die Stadt die Kapazitäten im Vorjahr aufgestockt hat. Bis zu 52 Plätze kann sie im ehemaligen Liegenschaftsamt anbieten. Im alten Haus gleich nebenan, das nun als Obdach für Männer hergerichtet werden soll, die einfach in keine Wohnung mehr zu vermitteln sind, gab es nur 20 "Pennstellen". Die Gruppe der Hilfesuchenden wächst, und die Kundschaft ändert sich.

Erst Liegenschaftsamt, dann Wohnung für Asylbewerber, jetzt Notschlafstelle: die "Hin- und Herberge" am Derendorfweg. "Mir macht die Arbeit Spaß.": Bettina Kiniziak ist als Sozialarbeiterin dreimal in der Woche in der "Hin- und Herberge". Erst Liegenschaftsamt, dann Wohnung für Asylbewerber, jetzt Notschlafstelle: die "Hin- und Herberge" am Derendorfweg. "Mir macht die Arbeit Spaß.": Bettina Kiniziak ist als Sozialarbeiterin dreimal in der Woche in der "Hin- und Herberge". Foto: L. Berns

"Der alte Tippelbruder stirbt aus", sagt der Hausmeister mit Blick auf die Belegungsliste. Auf der stehen fast nur vertraute Namen. Immer mehr kommen Abend für Abend zum Derendorfweg, manche schon seit Jahren. Das war ursprünglich nicht beabsichtigt, denn das Haus sollte immer nur und vor allem Notunterkunft und keine dauerhafte Bleibe sein. Doch Bettina Kiniziak weiß, warum es kaum noch Durchwanderer gibt: Das Jobcenter, von dem hier alle ihre "Stütze" beziehen, will feste Adressen. Die meisten Übernachtungsgäste ziehen ihre Betten deshalb morgens gar nicht mehr ab, wenn sie um 7.30 Uhr das Obdach verlassen müssen.

Kiniziak ist seit sieben Jahren als Sozialarbeiterin bei der Stadt tätig und drei Mal in der Woche am Derendorfweg. Sie vermittelt bei Zankereien, ist "Kummerkasten", hilft bei der Vermittlung in andere Einrichtungen oder beim Umgang mit Behörden. "Ich setze mich gerne für die Leute hier ein", sagt die 41-Jährige. "Wenn man keine Ahnung hat, ist man im Umgang mit Behörden verloren." Das trifft auf die meisten ihrer Klienten zu.

Manchmal ist Kiniziak aber auch ein bisschen "Dompteuse". Denn die beiden Pförtner, die um 17 Uhr das Haus öffnen, können nicht alles im Blick haben, was auf den beiden Etagen passiert. Also hilft sie, die strengen Regeln durchzusetzen. "Wir mussten gerade alle Nachtschränke einziehen, weil darin Lebensmittel, hochprozentiger Alkohol, aber auch spitze Gegenstände gebunkert wurden", sagt sie.

Trotzdem, und obwohl sich die Männer regelmäßig einen "Stubendurchgang" von ihr gefallen lassen (müssen), versucht sie mit ihren Kollegen hinzubekommen, dass sich die Obdachlosen wohlfühlen könnten. Spind und Kühlschrankfach bleiben privat, Wünsche bei der Belegung der Vierbett-Zimmer werden nach Möglichkeit berücksichtigt. Aber in Grenzen. Wer Probleme macht, wird im Erdgeschoss und damit im Blickfeld der Pförtner einquartiert. Und Schnarcher werden zusammengelegt. Um des lieben Friedens willen. Der hängt ohnehin in diesem Haus oft genug nicht wirklich gerade.

An diesem Tag aber ist Ruhe. Die Kälte hat die Männer ausgelaugt, viele hauen sich früh aufs Ohr. Sie sind dankbar dafür, dass die Stadt angesichts der Temperaturen die Öffnungszeiten verlängert hat und sie ab 17 Uhr und damit früher ins Warme dürfen. Auch das Café Ausblick der Caritas an der Breite Straße, für manchen Obdachlosen die Tagsadresse, hat reagiert. Wer will, kann derzeit morgens von der Notschlafstelle aus direkt dorthin kommen, ohne vor verschlossener Tür zu stehen. Und weil das Café in diesen Tagen auch erst um 16.30 Uhr schließt, müssen sich die Obdachlosen nicht lange draußen aufhalten.

Manche gehen tagsüber eigene Wege. Sie sind im Rheinpark-Center oder der Stadtbücherei, weil es dort freies W-Lan und damit Internetverbindung gibt. Das nutzen sie, berichtet einer, auch für Job- und Wohnungssuche auf eigene Faust. Aber auch sie kommen abends zum Derendorfweg, wo sie - als Selbstversorger - kochen können.

Messer, Dosenöffner oder andere spitze Gegenstände müssen sie sich dazu beim Pförtner ausleihen, der auch Handtücher an die ausgibt, die duschen wollen. "Manche Handtücher bekommen Beine", sagt Kiniziak, verschwinden also in Rucksack oder Tasche. Noch größer ist die "Nachfrage" nach Tassen und vor allem Löffeln, die in großer Zahl verschwinden. Sie sind wichtiges Utensil für die Drogenabhängigen unter den Männern - obwohl der Konsum im Haus natürlich verboten ist.

(-nau)