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Neuss: Lola - ein starker Theaterabend

Neuss : Lola - ein starker Theaterabend

Die Premieren-Inszenierung von Fassbinders "Lola" im Rheinischen Landestheater überzeugt als Studie über die Käuflichkeit der Gesellschaft. "Lolal" lebt vor allem von einem starken Ensemble.

Was seine Welt im Innersten zusammenhält, weiß Schuckert sehr genau: "So viel Moral, wie ich für drei Millionen kaufen kann, gibt's gar nicht", resümiert er sachlich, der Baulöwe, der jedermanns Preis kennt und zahlen kann. Den des Bürgermeisters ebenso wie den des Baudezernenten oder den Lolas, seiner Lieblingshure im städtischen Puff.

Einen Blick ins Getriebe der Gesellschaft unternimmt Bettina Jahnke mit ihrer Inszenierung von Fassbinders "Lola" und dabei gelingt ihr gleich dreierlei: Ein stimmungsvolles, grandioses Charakterbild der sogenannten "Wirtschaftswunderjahre" mit ihren Träumen, Hoffnungen und blinden Flecken, eine brillante Studie über Käuflichkeit und den Mehrwert als einzigen Wert der Gesellschaft, und vor allem ein unterhaltsamer Theaterabend, packend in jeder Minute, kritisch und zart, berührend und analytisch zugleich.

Besticht schon das Gesamtkonzept dieser Inszenierung, so sind es die vielen wunderschönen Details, die sie unvergesslich machen: Die Schlager der Fünfziger Jahre hat Walter Kiesbauer als musikalischer Leiter neu arrangiert, nüchterner, zarter und authentischer, und lässt sie erklingen und singen wie ihren Widerhall in den (Kehl-)Köpfen jener Jahre. Stets eingebunden sind diese Lieder, nie Sahnehäubchen, dafür immer handlungstragend.

Sehr schön gelingt es Ausstatterin Ivonne Theodora Storm, den Ort des Geschehens mit rotem Samt als einen zu zeigen, an dem Gefühle nichts als Funktionen der Geschäfte sind, ein großes Bordell eben, an dem gekauft und verkauft wird, ganz gleich ob es um Bauplanungen oder andere Dienstleistungen geht. Entscheidend sind die Schauspieler: Linda Riebau zeigt Lolas entschiedenen Kampf um Anerkennung, ihre Verachtung für das Spiel, das ihr keine Alternative zum Mitspielen lässt, ihre Sehnsucht nach Liebe und ihr Wissen um deren Funktionalität brillant und unendlich facettenreich. Sie ist als Lola lieblich und zart, zornig und robust, immer voller Würde und Hoffnung, ein Mensch, der sich aus den Trümmern der Welt eben einen Lebensort zu bauen sucht.

Joachim Berger begeistert als Schuckert, ist mit jeder Geste, jedem Blick überzeugend als Raubtier, das die Welt nach eigenen Regeln gestaltet, alle kauft und doch die Käuflichkeit verachtet. Ein Misanthrop, der um die Macht des eigenen Geldes weiß. Rainer Scharenberg ist großartig als Baudezernent von Bohm, sympathisch, bürokratisch, voller Ideale und dennoch käuflich, einfach nur ein wenig teurer. Ein Moment, in dem das ganze Theater minutenlang den Atem anzuhalten scheint, ist der Blick zwischen ihm und Lola. Zwei Liebende, die sich in ihrer Käuflichkeit erkennen und dennoch mitmachen in dem großen, destruktiven Spiel, in dem Geld allein die Welt regiert.

(NGZ)