Literarischer Sommer Neuss im Clemens-Sels-Museum eröffnet

Literarischer Sommer in Neuss : Wie Minnegesang heute klappt

Die Ausstellung „Erzählen in Bildern“ im Clemens-Sels-Museum bot den (romantischen) Rahmen für die Eröffnung des Literarischen Sommers in Neuss. Denn vorgestellt wurden Neuinterpretationen des mittelalterlichen Minnegesangs.

Sie hatten Namen wie Reimar der Alte, Konrad von Würzburg, Der Wilde Alexander oder Walther von der Vogelweide. Ihre Gemeinsamkeit: Sie schrieben im Mittelalter Liebesgedichte. Um diese Werke ging es jbei der Auftaktveranstaltung des 20. Literarischen Sommers im Gartensaal des Clemens-Sels-Museums.

Nun wäre es sicher sehr ermüdend gewesen, Dichtkunst auf sich einwirken zu lassen, deren Sprache doch eher fremd wirkt. Zum Glück haben der Büchner-Preisträger Jan Wagner und der Lyriker Tristan Marquardt ihr Buch „Unmögliche Liebe“ mitgebracht. Das Besondere daran: Moderne Schriftsteller haben sich die alten Texte vorgenommen und sie mehr oder weniger frei in ein Deutsch des 21. Jahrhunderts übersetzt.

Im Sommer gibt es auch im Kulturbereich ein Veranstaltungsloch: Die Theater haben geschlossen, Ausstellungen sind mehr als rar, Konzerte ebenfalls. Nicht ohne Grund findet die Veranstaltungsreihe „Literarischer Sommer“ ausgerechnet in dieser Zeit statt, und jetzt bereits zum 20. Mal.

„In unserer schnelllebigen Zeit ist dieses Jubiläum ein beachtenswerter Erfolg“, sagt Kulturdezernentin Christiane Zangs bei der Eröffnung und erzählt mit Blick auf das Thema des Abends: „Ich habe mich während meines Studiums mit dem Minnesang ausgiebig beschäftigt.“ Er sei „Ausdruck differenzierten Denkens“.

Die Motivation, ein Buch wie „Unmögliche Liebe“ herauszubringen, beschreibt Jan Wagner so: „Wir wollten das literarische Werk aufgreifen und in die heutige Zeit übertragen.“ Die überarbeiteten Texte unterschiedlicher Autoren seien „immer noch großartige Poesie“. Es sei unter anderem darum gegangen, „die Energie eines Walther von der Vogelweide neu spürbar zu machen“. Peter Rühmkorf sollte hier ganze Arbeit leisten.

Tristan Marquardt, auch ein studierter Mittelalterforscher, erzählt über den  Minnesang, der ab der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts aufkam – und der wichtig war für die damalige höfische Kultur. „Der Minnesang war aber keine Erfindung der deutschen Adelshöfe, man hat sich vielmehr an den französischen Adelshöfen orientiert“, erklärt der Lyriker und Wissenschaftler. Typisch für diese Form der Dichtung sei der Umstand, dass „Liebe  fast nie zustande kommt, weil sie überhöht wird“. Die Kunst des Minnesangs sei die Kunst der Variation.

Abgedroschene Floskeln gehörten allerdings auch dazu. Ein Gedicht von Heinrich von Rugge ist von der Schriftstellerin Anja Uttler übertragen worden. Tristan Marquardt lobt, dass die Neuinterpretationen „unglaublich vielseitig klingen“. Walther von der Vogelweide sei so etwas wie der Popstar des Minnesangs gewesen. Ulrike Draesner hat einen Text von ihm umgeschrieben. Darin geht es um eine Liebesbegegnung, die nicht herbeigesehnt wurde, sondern die bereits stattgefunden hat. Als Zeuge gab es nur ein Vögelein. Man kann sich vorstellen, wie pikant dieser Text war, wenn er zu Hofe vorgetragen wurde.

Fast schon philosophisch: Eine Neuinterpretation von Joachim Sartorius, der über die Liebe sinniert. Dabei stößt er auf das Problem, dass die Liebe zwischen zwei Menschen nicht immer gleich verteilt ist.

Die überarbeiteten Texte sind zumeist länger geworden als die Originalfassung – Ulf Stolterfoht ist da eine Ausnahme, er reduziert einen Text von Walther von der Vogelweide auf das Wesentlichste.

Zum Schluss demonstrieren die beiden vortragenden Lyriker, wie sehr der Minnesang auf aktuelle Songs abgefärbt hat: Wagner und Marquardt zitieren aus Hits von Künstlern wie Madonna und Frank Sinatra.

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