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Literarischer Sommer in der Stadtbibliothek Neuss

Literarischer Sommer in der Stadtbibliothek Neuss : Trimaran: Drei Länder und ein besonderes Lyrik-Projekt

Ulrich Koch und Eric Spinoy berichteten bei ihrer Lesung im Rahmen des „Literarischen Sommers“ auch über Last und Lust beim Übersetzen

Ein Trimaran ist ein Boot mit drei Rümpfen. Bei einer Dichterlesung in der Stadtbibliothek kam der Begriff indes zu übertragener Bedeutung. Der Lyriker Christof Wenzel formulierte es so: „Unser Lyrik-Projekt heißt Trimaran, weil es um drei Länder geht.“

Vor zwei Jahren waren die Niederlande Hauptgast auf der Frankfurter Buchmesse. Dabei wurde eine bilinguale Zeitschrift gegründet, die sich mit Übersetzungen von Gedichten aus dem Niederländischen ins Deutsche und umgekehrt beschäftigt. Ein Thema, das dem „Übersetzerkollegium“ im niederrheinischen Straelen sehr willkommen war. Dort lernten sich bei einer Tagung die Lyriker Ulrich Koch und Erik Spinoy kennen, die jetzt im Rahmen des „Literarischen Sommers“ gemeinsam nach Neuss kamen. Als Belgier, der auf niederländisch publiziert, vertritt Spinoy also den dritten Länder-Rumpf im Trimaran-Boot.

Ulrich Koch ist Jahrgang 1966. Seit seinem Debüt 1995 hat er acht Lyrikbände veröffentlicht. Sein jüngster Band „Selbst in hoher Auflösung“ war auf den vorderen Rängen der SWR-Bestenliste zu finden. Als Professor für niederländische Literatur an der Universität Lüttich hat Erik Spinoy einen eher philologischen Ansatz, wenn er Gedichte schreibt. In Straelen stellten beide Lyriker fest, dass es zwischen ihnen „genügend Verwandtschaft und ausreichend Reibungsflächen“ gibt. Seither haben sie sich privat besucht und begonnen, die Texte des jeweils Anderen zu übersetzen.

Bei ihrer Lesung in der Stadtbibliothek sprachen sie über die besonderen Herausforderungen dieser Arbeit. Spinoy beherrscht die deutsche Sprache fast perfekt. Übersetzungsarbeit fällt ihm daher leicht. Wenn aber ein Fremder seine eigene Lyrik übersetzt, schaut er ziemlich kritisch auf das Resultat. Ganz anders erging es Ulrich Koch, als er die Texte von Erik Spinoy auf seinen Schreibtisch legte: Koch kann überhaupt kein Niederländisch. Also musste zunächst eine „Linear-Übersetzung“ her, ein nüchternes, nur dem Lexikon verpflichtetes Buchstabenkonvolut. Dann folgte die poetische Feinarbeit. Und zu seiner freudigen Überraschung zeigte sich der Belgier mit dem Ergebnis sehr zufrieden.

Wie viele der etwa 20 Gäste in der Bibliothek beide Sprachen verstehen, wurde nicht ermittelt. Weil aber der Klang gelesener Poesie eine nicht unerhebliche Qualität derselben darstellt, wurde auch das Hören fremder Lautverbindungen  zum Erlebnis. „Wir sprechen alle dieselbe Sprache, aber mit hoffnungslos ineinander verdrehten Zungen“, heißt es so auch bei Erik Spinoy, übersetzt von Ulrich Koch. Mit der Feststellung treffen beide Lyriker wohl den Nagel auf den Kopf.