1. NRW
  2. Städte
  3. Neuss

Neuss: Liebe ohne Berührung

Neuss : Liebe ohne Berührung

Im Theater am Schlachthof hatte das Stück "Gut gegen Nordwind" von Daniel Glattauer Premiere. Die Bühnenfassung nach seinem gleichnamigen Buch-Besteller hat Christopher Hustert in Szene gesetzt.

Rund achtzig Prozent der menschlichen Kommunikation geschieht durch Blicke, Gesten, Tonfall, Nähe, Sprachrhythmus, Berührung und andere nonverbale Mittel. Wenn man dem Wiener Pantomimen Samy Molcho glaubt. Eine Zahl, die immerhin ahnen lässt, wie fallibel und fragil jede Form von Verständigung ist, die sich allein auf Sprache verlässt. Dass zugleich aber jenseits aller Körperlichkeit im reinen Austausch der Worte auch riesige Freiräume entstehen, die Raum geben für virtuelle Identitäten und Projektionen aller Art, ist ein Phänomen, das nicht nur die massenhafte Attraktivität von digitalen Netzwerken wie Facebook begründet, sondern auch den österreichischen Autoren Daniel Glattauer in seinem Erfolgsroman "Gut gegen Nordwind" beschäftigt.

Eine Liebe per Email, entstanden aus einem flüchtigen Kontakt, einem Fehler, einer Unmöglichkeit: Ein faszinierendes Experiment ist die Begegnung zwischen Emmi Rothner und Leo Leike, die schnell zur Amour fou gerät, zur aberwitzigen Leidenschaft voller Humor und Sehnsucht, Irrtümern und Hoffnungen, Trauer und Erotik.

Einen solchen E-Mail-Roman als Austausch blanker Worte für die Bühne zu inszenieren und daraus ein lebendiges Theatererlebnis zu machen, das seinen Zuschauern nicht nur zwei Stunden Spannung beschert, sondern berührt, bewegt, bezaubert, ist die große Herausforderung, die Regisseur Christopher Hustert in seiner Inszenierung von Glattauers Roman für das Theater am Schlachthof hervorragend gemeistert hat.

Bei der Premiere am Freitag stimmte einfach alles an dieser wunderschönen kleinen Geschichte einer ganz großen Liebe. Ein dürr ausgestatteter Raum aus schwarz und weiß, in dem weiße Quader den unsinnlichen Rahmen der Begegnung kennzeichnen und doch so beliebig nutzbar sind wie Buchstaben, die Emmy und Leo immer neue Wege und Möglichkeiten des Zueinanderfindens bieten, ist das sinnfällige Ambiente dieser Liebe.

Natascha Popov als Emmi und Tobias Wollschläger als Leo zeigen grandios und glaubwürdig die beiden Liebenden, die vom zufälligen Kontakt über den flüchtigen Flirt in eine leidenschaftliche Seelenbeziehung geraten: Sensibel gestalten sie die Entwicklung von der vorsichtigen Annäherung bis zur unstillbaren Sehnsucht, präsentieren facettenreich die Ängste und Chancen, die Leo und Emmy auf ihrem Weg zwischen virtuellem Ich und virtuellem Du erleben.

Werden sie sich treffen, aus der körperlosen Seelenbegegnung eine reale machen, um den Preis, alle Projektionen und Wunschidentitäten aufgeben zu müssen? Werden sie den Abgrund überspringen, der trennt und zugleich ein Schutz vor der Begegnung mit einem realen Du ist? Mit großer Kreativität lässt Hustert seine Figuren in dem kahlen Karree der Bühne sich einrichten, den andern suchen und verfehlen in dieser Liebe, bei der sich nie die Blicke der Liebenden sondern allein ihre Worte begegnen, dürr und doch anschmiegsam, liebevoll, verletzend, lebendig und spontan. .

(NGZ)