Lesung in Neuss Rafael Seligmann warnt vor den Brandstiftern der Gegenwart

Neuss · „Das ist die Plage der Zeit, in der Verrückte Blinde führen“, ließ Shakespeare schon damals seinen König Lear seufzen. Genauso ist es Rafael Seligmann zufolge heute auch. Zu welchen Schlüssen der Autor in seinem neuen Buch kommt.

Rafael Seligmann stellt in Neuss sein neues Buch vor.

Rafael Seligmann stellt in Neuss sein neues Buch vor.

Foto: Melanie Zanin/Melanie Zanin(MZ)

Dorothea Gravemann veranstaltet als Inhaberin des Bücherhauses am Münster gerne Lesungen. Am liebsten lädt sie Freunde ein – so auch am Montagabend. Zu Gast war ihr guter Freund Rafael Seligmann, seines Zeichens bekannter deutsch-jüdischer Historiker und Journalist. Zur Lesung und zum Gespräch über sein neues Buch „Brandstifter und ihre Mitläufer“ haben auch die Philippus Akademie und die evangelische Christusgemeinde ins Martin-Luther-Haus geladen und es sind rund 150 Neusser gekommen. Seligmann freut sich über das große Interesse: „In Düsseldorf waren es nur 30.“

Draußen vor der Tür bewachen zwei Polizisten das Haus, was den Zustand der aktuellen Demokratie bedrückend deutlich macht. Drinnen warnt Seligmann vor den Brandstiftern der heutigen Zeit – Putin, Trump und Netanjahu – die jegliche Demokratie ablehnen oder zerstören wollen. Als Ursache dieser Machthaber bezeichnet er die Mitläufer, die solche Figuren wählen und halten wollen.

Bevor er jedoch auf die aktuelle Krise der Demokratie zu sprechen kommt, legt er historisch dar, dass es zwei verschiedene Formen von Diktatoren gab. Die einen nennt Seligmann die Getriebenen, die anderen risikoavers. Die gefährlicheren Brandstifter seien heute die risikoaversen, führt der promovierte Historiker aus. Im sich an den Vortrag anschließenden Gespräch mit Pastor Jörg Zimmermann von der Christusgemeinde warnt er: „Auch Putin gehört zu den risikoaversen Brandstiftern. Er hat seit Jahren erzählt, dass die größte geopolitische Katastrophe der Zerfall der Sowjetunion sei. Und wir hören nicht hin und moderieren weg, was bedeutet: Er wird nicht mit der Ukraine aufhören. Als Nächstes sind die baltischen Staaten dran, dann kommt Polen und schlimmstenfalls geht er bis an die Elbe.“

Seligmann warnt vor so viel Naivität gegenüber Putin, lässt aber auch kein gutes Haar an Trump und Netanjahu. Trump ist in seinen Augen ein Krimineller, der seine Wahlniederlage nicht anerkannte und mit seinem Sturm aufs Kapitol einen Putschversuch unternahm. Netanjahu ist für ihn ebenso ein verurteilter Verbrecher, wenn auch intelligenter als Trump. Den israelischen Premierminister hält er wegen seiner verfehlten Sicherheitspolitik für mitschuldig am 7. Oktober. „Das Problem in Deutschland ist die Bequemlichkeit der Politiker. Sie wollen eine Wohlfühldemokratie statt glaubwürdige Politik und das nehmen die Wähler der Regierung nicht mehr ab.“ Stattdessen erzeuge die Politik Verdrossenheit wegen ihrer Unverständlichkeit: „Der normale Bürger sagt sich, irgendwas kann doch da nicht stimmen, da unterstützen wir die Ukraine und dann nehmen wir fahnenflüchtige Ukrainer bei uns auf und statten sie mit Bürgergeld aus!“

Außerdem beklagt er, dass die Flüchtlinge hier im Unterschied zu Polen zu wenig arbeiten würden. Doch er sei weiterhin Optimist, dass die Demokratie schließlich obsiegt. Dafür nennt er vier Instrumente: das Gleichgewicht von Justiz, Parlament und Regierung, die unabhängige Presse, die Trennung von Staat und Religion und schließlich ein verpflichtendes soziales Jahr für alle Männer und Frauen. Denn Seligmann befürchtet, dass Menschen, die niemals anderen gedient haben, die Demokratie nicht verteidigen würden. Applaus vom Publikum.