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Es wird zu wenig Geld in Bildung gesteckt: Lehrermangel wird verschleiert

Es wird zu wenig Geld in Bildung gesteckt : Lehrermangel wird verschleiert

Von Klaus D. Schumilas Das Anfang des Jahres verabschiedete neue Schulgesetz beschert vor allem den Gymnasien eine Reihe von Neuerungen: Zum Beispiel Schulzeitverkürzung, Zusatzprüfung, Versetzung auf Probe. Elternvertreter befürchten vor allem eines: Qualitätsverlust. Sie fordern Änderungen und mehr Geld für Bildung. Den Gymnasien stehen mit Beginn des kommenden Schuljahres aufgrund des neuen Schulgesetzes erhebliche Veränderungen ins Haus. NGZ-Foto: H. Jazyk

Das Anfang des Jahres verabschiedete neue Schulgesetz beschert vor allem den Gymnasien eine Reihe von Neuerungen: Zum Beispiel Schulzeitverkürzung, Zusatzprüfung, Versetzung auf Probe. Elternvertreter befürchten vor allem eines: Qualitätsverlust. Sie fordern Änderungen und mehr Geld für Bildung. Den Gymnasien stehen mit Beginn des kommenden Schuljahres aufgrund des neuen Schulgesetzes erhebliche Veränderungen ins Haus. NGZ-Foto: H. Jazyk

Die Pisa-Studien haben Deutschland kein gutes Zeugnis ausgestellt. Im nationalen Ländervergleich hängt Nordrhein-Westfalen weit zurück. Grund genug für besondere Anstrengungen, für Reformen und Konzepte. Dass es alsbald besser wird und NRW-Schüler wieder Anschluss finden, das bezweifeln allerdings viele Lehrer und Eltern.

Sie begründen ihre Skepsis mit dem Blick auf das Anfang des Jahres im Düsseldorfer Landtag verabschiedete Schulgesetz, das einige Veränderungen für die Gymnasien bringt: "Wir befürchten einen erheblichen Qualitätsverlust", sagt Dr. Ursula Roth, Schulpflegschaftsvorsitzende des Quirinus-Gymnasiums und Mitglied des Arbeitskreises der Schulpflegschaften der Neusser Gymnasien und Gesamtschulen. Betroffen sind im Rhein-Kreis Neuss fast 21 000 Gymnasiasten, davon alleine 6 000 in Neuss.

Der Arbeitskreis nennt die aus seiner Sicht brisanten Punkte: Schulzeitverkürzung von neun auf acht Gymnasialjahre; "kleines Abitur", eine Zusatzprüfung nach der zehnten Klasse; Versetzung auf Probe; integrativer Unterricht in Naturwissenschaften. Ursula Roth spricht Klartext: "Wesentliche Punkte des Schulgesetzes sind mit heißer Nadel gestrickt und bringen für die Schüler in den kommenden Jahren erhebliche Nachteile."

Hoffnung setzt der Arbeitskreis ebenso wie andere Gremien auf Nachbesserungen, die das Schulministerium in den Rechtsverordnungen noch vornehmen könnte. Schulzeitverkürzung: Große Sorge bereitet den Elternvertretern der sich aus ihrer Sicht abzeichnende Qualitätsverlust mit der zum kommenden Schuljahr beginnenden Schulzeitverkürzung von neun auf acht Jahre an den Gymnasien. Die Oberstufe wird zukünftig auf zwei Jahre verkürzt.

Das Stundenvolumen der wegfallenden Klasse 11 soll - jedenfalls teilweise - ausgeglichen werden. Nach Angaben des Ministeriums soll die Stundenzahl der Sekundarstufe I und das Stundenvolumen der Oberstufe geringfügig erhöht werden. "Das wird allerdings keinesfalls ein Ausgleich für die vorgesehenen Kürzungen schaffen", sagt Ralph Dymek, Schulpflegschaftsvorsitzender des Marie-Curie-Gymnasiums.

Er rechnet vor: "Von den 33 Stunden in der Jahrgangsstufe 11 sollen neun Stunden in den Klassen 5 sowie sieben bis zehn umgelegt werden. Das macht neun. Die restlichen 24 Wochenstunden sollen in den Klassen 12 und 13 aufgefangen werden. Sollen die Schüler dann 34 statt bisher 33 Stunden in der Woche haben? Wie soll das gehen?" Nach Recherche des Neusser Arbeitskreises liegt das künftige Stundenvolumen der Sekundarstufe I in NRW deutlich unter den Werten anderer Bundesländer.

Zu inhaltlichen Konzepten oder zur Komprimierung des Unterrichtsstoffes gebe es noch keinerlei Angaben. Ursula Roth: "Diese Schulzeitverkürzung ist ein Sparmanöver, das zu einem Qualitätsverlust führen wird." Die Forderung lautet: Die wegfallenden Stunden in der Klasse 11 müssen durch Nachmittagsunterricht komplett aufgefangen werden. "Kleines Abitur": Das neue Schulgesetz sieht eine Prüfung in den Fächern Deutsch, Mathematik und in der ersten Fremdsprache vor, eventuell ergänzt durch eine mündliche Prüfung in einem vierten Fach.

Das Besondere: Die Prüfungsinhalte soll für alle Schulformen gleich sein. "Überflüssig", befinden Roth und Dymek. "Haupt- und Realschüler verlassen die Schule, um eine berufliche Laufbahn einzuschlagen, einige wechseln auf das Gymnasium. Das Gymnasium selbst ist auf die Abiturprüfung hin angelegt und bietet nach Klasse 10 keinen eigenständigen Abschluss. Deshalb bedeutet dieses zeitintensive Prüfungsverfahren für Lehrer und Schüler eine überflüssige Belastung."

Als Folge der Organisation wird auch dort Unterrichtsausfall befürchtet. Versetzung auf Probe: Das "Sitzenbleiben" in der bisherigen Form wird es nicht mehr geben. Schüler sollen nach den Sommerferien während einer dreimonatigen Probezeit in der höheren Klasse die Gelegenheit erhalten, ihre Defizite zu beheben und den versäumten Stoff nachzuholen. Erst nach der Probezeit wird über die endgültige Versetzung entschieden. Auch diese Regelung sei "mit heißer Nadel gestrickt", so der Arbeitskreis.

Eine notwendige begleitende Förderung des Schülers gibt es aus personellen (finanziellen) Gründen nicht. Probleme tauchen bei Lehrerwechsel auf oder wenn das Fach, in dem die nicht ausreichende Leistung erzielt wurde, im nächsten Jahr überhaupt nicht mehr auf dem Stundenplan steht. Naturwissenschaften: Die Elternvertreter lehnen die Einführung des integrativen Unterrichts in Naturwissenschaften in der Erprobungsstufe (Klassen 5 und 6) ab. Statt des bisherigen, getrennten Unterrichts in Biologie, Chemie und Physik wird es den fächerübergreifenden Unterricht in "Naturwissenschaften" geben.

Dymek: "Damit soll lediglich der Lehrermangel verschleiert werden." Denn: Fehlt an einer Schule der Physiklehrer, gibt es nur Unterricht in Bio und Chemie. Roth: "Die Schüler müssen zunächst einmal die notwendigen Voraussetzungen in den einzelnen Fächern erlernen, ehe ein solcher integrativer Unterricht sinnvoll ist. Das Fazit von Roth: "Es wird einfach zu wenig Geld in Bildung gesteckt."

(NGZ)