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Neuss: Lebenslang auf Leben warten

Neuss : Lebenslang auf Leben warten

Im Theater am Schlachthof hatte die Inszenierung von "Die Ehe der Maria Braun" in der Regie von Michael Hewel Premiere. Die Vorlage liefert der gleichnamige Film von Rainer Werner Fassbinder.

Dass Geschichten wie diese vor nicht allzu langer Zeit nicht nur Geschichten waren, sondern Wirklichkeit, geradezu Alltäglichkeit, scheint uns heute absurd. Zu grausam, zu quälend. Da heiraten eine Frau und ein Mann – verliebt und glücklich. Da zieht ein Mann nur einen Tag später in den Krieg undkehrt nicht mehr zurück. Da versucht eine Frau, weiterzuleben und tötet. Da geht ein Mann für eine Frau ins Gefängnis. Und da wartet eine Frau. Und wartet und wartet und wartet.

Mit seinem Film "Die Ehe der Maria Braun" erlangte Rainer Werner Fassbinder 1979 internationalen Ruhm. Er lässt die schöne und kühle Maria gegen Ende des Zweiten Weltkrieges und in den Jahren danach ein Schicksal durchleben, welches exemplarisch für viele Frauen-Schicksale jener Zeit steht. Ein junges und dynamisches Team des Theaters am Schlachthof befasste sich nun mit dem noch immer faszinierenden Stoff und präsentierte eine beeindruckende Bühnenversion. Ilva Melchior spielt souverän und mit sehr angenehmer Stimme die zunächst lebensfrohe Maria, die stets etwas über den Dingen zu schweben scheint – "mutig, emanzipiert, unkonventionell". Die mit verblüffendem Pragmatismus und beängstigender Kälte den amerikanischen Geliebten umbringt, um ihren Hermann letztlich doch wieder gehen lassen zu müssen. Die über das jahrelange Warten auf das eigentliche Leben einen Ersatz im beruflichem Erfolg und Reichtum sucht. Der es dennoch an Nähe fehlt. "Ich brauche jemanden, der mit mir schläft", sagt sie zu ihrem Geliebten Karl Oswald – hervorragend gespielt von Johann Wild. Letzterer ist zugleich Freund und Mutter, Arzt und Standesbeamter und beweist damit seine Wandlungsfähigkeit. Auch die Darstellerinnen Anke Jansen und Elisabeth Pleß schlüpfen gekonnt in diverse Rollen. Jens Kipper gelingen die zahlreichen Verwandlungen, ohne die einzelne Charaktere beliebig werden zu lassen.

Die Metamorphose der Figuren ist gleichsam kennzeichnend für die Inszenierung von Michael Hewel, die flüssig und rasant daherkommt. Lediglich die Dramatik lässt nach der Pause etwas nach, und nicht immer kann das Publikum in der Kürze der Zeit die Komplexität der Figuren erschließen. Zitate aus Nachrichten und Sportsendungen und die sachliche Verkündung der Vermissten bildeen aber eine hilfreiche Chronologie.

Das traurige Leben der Maria Braun – es ist auch das Leben unserer Mütter und Großmütter. Eine lange Durchreise zum wirklichen Leben, das dann vielleicht niemals stattgefunden hat. Dass uns dies heute so unglaublich vorkommt – es sollte uns dankbar machen.

Info Nächster Termin: Freitag, 18. September, 20 Uhr

(RP)