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Neuss: Kurios: Zwei Balkone werden zum Politikum

Neuss : Kurios: Zwei Balkone werden zum Politikum

Wenn Passanten bei Annerose Schröders Dampf ablassen wollen, wegen der "blöden Balkone" und über den engen Gehweg am Haus Volmerswerther Straße 52 tüchtig schimpfen, dann sagt die schlicht: "Wir waren zuerst da."

Fast 36 Jahre geht das nun schon so, doch jetzt will die Stadt allen Meckereien den Boden entziehen. Sie will den Bürgersteig, den zwei tief hängende Balkone auf nur 80 Zentimeter Breite verengen, zeitnah auf Kosten des Parkstreifens am Haus verbreitern — und wird auch damit nicht alle glücklich machen. "Und wo parken wir dann, wenn wir was ausladen müssen?", fragt Schröders.

Von alleine hätte die Stadt das Thema wohl nicht in Angriff genommen, sie musste erst von der Politik angestoßen werden. Und die — vielleicht, weil sie bürokratischen Widerstand witterte — machte aus zwölf Metern Gehweg eine große Sache. Nicht ein oder zwei, nein, drei gewählte CDU-Volksvertreter übten den Schulterschluss, auf dass am Ernst des Problems nicht gezweifelt werde. Obwohl sich in dem Mehrfamilienhaus niemand erinnern kann, dass wegen der Balkone schon jemand zu Schaden gekommen wäre. Außer vielleicht Hausbewohner wie Ute Keßler selbst, die zugibt: "Ich bin schon mal mit dem Kopf dagegen geknallt."

Im Bauausschuss fanden die Pläne der Verwaltung, zwei Parkplätze zu opfern um diesen Raum dem Gehweg zuzuschlagen, eine Mehrheit. Gefragt wurde allerdings, wie denn der Bau des Hauses so habe genehmigt werden können. Das war nicht mehr zu rekonstruieren. Klaus-Karl Kaster (CDU) vermutete, dass das Haus direkt auf die Grundstücksgrenze gebaut worden sei und niemand an die Balkone gedacht hat. "Eine Kuriosität." Doch Annerose Schröders, die 1975 in den gerade fertig gestellten Neubau eingezogen war, weiß es besser. "Das Haus stand schon, als die Straße und der Gehweg gebaut wurden. Das hat die Stadt verschuldet."

Verständnis haben die Hausbewohner dafür, dass sich Passanten ärgern, wenn sie sich zwischen Haus und parkenden Autos "hindurchquetschen" müssen. Das trübt sich aber ein, wenn dabei Spiegel abgebrochen werden. Doch darum geht es nicht. Die Gehwegverbreiterung bedeutet "erhöhte Sicherheit für Fußgänger, Kinderwagen und Rollstuhlfahrer", feiert die CDU in einer Pressemitteilung den Erfolg. Dafür ist es auch nach 36 Jahren noch nicht zu spät — und 7500 Euro allemal wert.

(NGZ/rl)