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100 Jahre "Photo Kleu" an der Krefelder Straße: "Kunstanstalt für Photographie"

100 Jahre "Photo Kleu" an der Krefelder Straße : "Kunstanstalt für Photographie"

Der junge Photograph Heinrich Kleu war erst 24 Jahre alt, als er sein erstes Geschäft eröffnete. Das war 1903 an der "Crefelder Straße", wie man seinerzeit noch schrieb. "Herr Bathe erinnerte mich an meinen Großvater", erzählt Dr. Christiane Bischoff, Kleus Enkelin. So sah es noch 1934 aus: Photo Kleu an der Krefelder Straße, wie es viele Neusser noch in Erinnerung haben. Das Haus wurde im Jahre 1944 durch alliierte Bomben zerstört. Fotos (2): Archiv Kleu / A. Woitschützke

Der junge Photograph Heinrich Kleu war erst 24 Jahre alt, als er sein erstes Geschäft eröffnete. Das war 1903 an der "Crefelder Straße", wie man seinerzeit noch schrieb. "Herr Bathe erinnerte mich an meinen Großvater", erzählt Dr. Christiane Bischoff, Kleus Enkelin. So sah es noch 1934 aus: Photo Kleu an der Krefelder Straße, wie es viele Neusser noch in Erinnerung haben. Das Haus wurde im Jahre 1944 durch alliierte Bomben zerstört. Fotos (2): Archiv Kleu / A. Woitschützke

Daher habe sie sich 1973 für den jungen Berliner als neuen Inhaber des Photogeschäftes ihres Großvaters Heinrich Kleu entschieden. In diesem Jahr feiert das Geschäft, das auch heute noch an der Krefelder Straße liegt, sein 100-jähriges Bestehen. Ursprünglich jedoch eröffnete Heinrich Kleu, der 1902 ohne Familie aus Roermond in die Quirinusstadt kam, seinen Laden auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Hause Nummer 60. Einige Jahre später jedoch zog Heinrich Kleu in sein eigenes Haus Krefelder Straße 39 (heute 37) um. Dort steht es noch heute. Mit zwei Anbauten reichte das Gebäude bis an die heutige Adolf-Flecken-Straße, die damals jedoch noch nicht existierte.

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Man taucht in eine andere Welt ein, wenn man die Photos aus jener Zeit betrachtet. Ein großer Spiegel in barocken Formen mit allerlei Verspieltheiten in der goldenen Gestaltung des Holzes diente den Damen dazu, sich vor der Aufnahme noch einmal chic zu machen. "Mein Großvater hat die Menschen nicht in Pose gesetzt", berichtet Bischoff. Heinrich Kleu habe sich viel und in lockerer Atmosphäre mit seinen Kunden unterhalten. "Blitzschnell hat er sie dann photographiert", erinnert sich Bischoff. Ihr Großvater sei ein kunstsinniger Mann gewesen. Noch vor und nach dem Ersten Weltkrieg habe er Gemälde von Künstlern der bekannten Düsseldorfer Malerschule in seinem Atelier ausgestellt und verkauft. Für Heinrich Kleu war die Photographie Kunst und kein Handwerk.

Wolfgang Bathe führt als dritter Inhaber in 100 Jahren das bekannte Photo-Geschäft. Diese alte Kamera erinnert an die frühere Ausstattung des Ateliers.

So nannte er sein Geschäft zeitweilig auch "Kunstanstalt für moderne Photographie". Auf einer kleinen Karte, die in seinem Laden auslag, hieß es 1911: "Weihnachtsaufträge erbitte frühzeitig". Mit herrlich geschwungenen Strichen in der Form des Jugendstils ist die Karte aufwändig gestaltet. Neben der Porträt-Photographie pflegte Heinrich Kleu immer auch die Industrie-Photographie, also Bilder von Maschinen und Anlagen, die von Firmen in Werbeblättern und Postkarten veröffentlicht wurden. Kleu ging also mit der Zeit. Bischoff: "Mein Großvater war immer sehr modern und fortschrittlich." 1944 wurde das Haus an der Krefelder Straße, die zu diesem Zeitpunkt nach Adolf Hitler benannt war, durch einen Bombenangriff zerstört, später jedoch wieder aufgebaut.

Mit einer Anzeige gab Heinrich Kleu in der Neuß-Grevenbroicher-Zeitung bekannt, dass er sein Photo-Atelier im September 1946 wiedereröffnet. Zwei Jahre später starb Heinrich Kleu, nachdem er sein Geschäft 45 Jahre geführt hatte. Seine älteste Tochter Marlis Kleu führte es bis 1973 fort. Nach ihrem Tode verkaufte die Familie das Atelier an den damals jungen Berliner Photographen Wolfgang Bathe. "Als ich zum ersten mal in Neuss war, bog plötzlich ein ,Trömmelchen' um die Ecke. Ich war völlig überrascht und flüchtete mich erst einmal in den ,Kessel'"; erinnert sich Wolfgang Bathe. Heute gehört das Schützenfest zu seiner Kernarbeit. In diesem Jahr bietet er sogar erstmals die zahlreichen Kirmes-Photos online im Internet an. Seit 30 Jahren führt der "Preuße im Rheinland" das traditionsreiche Photostudio und versucht, sich durch Modernität am Markt zu behaupten.

"Wir stellen jetzt die Produktion auf digitale Technik um", sagt der Neu-Neusser. In den vergangenen Jahrzehnten hat eine technische Revolution stattgefunden. "Das Atelier von Heinrich Kleu war in den oberen Stockwerken und hatte ein Glasdach, das man mit Gardinen versehen hatte", erklärt Bathe. So sei es möglich gewesen, den natürlichen Lichteinfall bei Porträt-Aufnahmen zu regulieren. Scheinwerfer und andere moderne Technik zur Ausleuchtung gab es ja noch nicht. Doch die Zeiten der Nostalgie sind auch in Neuss seit langem vorbei. Carsten Greiwe

(NGZ)