Generalangriff auf die Stadtwerke: Kunden zahlen zu viel

Generalangriff auf die Stadtwerke : Kunden zahlen zu viel

Klartext in Sachen Gaspreise wurde bei der Informationsveranstaltung der Neusser SPD gesprochen. Die Experten rieten, die Erhöhungen nicht zu zahlen. Ein Lieferstopp durch die Stadtwerke sei nicht rechtens.

Wer gedacht hatte, mit der öffentlichen Erklärung der Zusammensetzung der Gaspreise durch die Stadtwerke wäre das Thema Geschichte, sah sich Dienstag Abend getäuscht. Die Informationsveranstaltung der Neusser SPD wurde zur Plattform eines Generalangriffs auf die Stadtwerke Neuss und deren Gestaltung der Gaspreise. "Die Chancen, dass heute Abend die Grundlage für die Bildung einer Bürgerinitiative geschaffen wurde, stehen gut", sagte SPD-Partei-Chef Benno Jakubassa. Über 80 Interessenten, darunter auch Stadtwerke-Kunden, die einen Teil der Rechnung gekürzt haben, sorgten für einen übervollen Roten Saal im Zeughaus, wo mit Dr. Aribert Peters, Vorsitzender des Bundes der Energieverbraucher, und Rechtsanwältin Leonora Holling, ehrenamtliche Geschäftsführerin der Ratinger Bürgerinitiative "Gaspreisboykott", kompetente Gesprächspartner Rede und Antwort standen.

Der ebenfalls eingeladene Stadtwerke-Chef Heinz Runde hatte abgesagt. "Er kneift", so Jakubassa. Holling kritisierte, dass die Stadtwerke Neuss mit ihrer Offenlegung keineswegs für Transparenz gesorgt hätten, "dazu fehlten viel zu viele wichtige Daten wie Rückstellungen, Löhne, Gewinn-Kalkulation, Pensionszusagen. Das, was vorgelegt wurde, kann man mit ein wenig Recherche im Internet auch herausfinden". Deutlich wurde auch Peters, der den Aussagen des Neusser Energieunternehmens widersprach, man müsse sich an die langfristigen Lieferverträge mit Eon/Ruhrgas halten. "Das stimmt nicht. Man kann aus diesen Verträgen raus und sich nach preiswerteren Lieferanten umschauen."

Im europäischen Vergleich liege der Gaspreis in Deutschland um rund 20 Prozent höher. Die großen Energieversorger wie Eon/Ruhrgas, RWE oder EnBw wiesen für das vergangene Jahr Gewinne zwischen 1,0 und 4,1 Milliarden Euro aus, ohne dass die Bürger davon profitierten. Peters: "Das ist Ausplünderung der Verbraucher durch die Wirtschaft." Weiter: "Jeder örtliche Gasversorger hat die Möglichkeit, günstiges Gas einzukaufen und muss sich fragen lassen, warum teuer bezahlt wird und warum die Kunden das teure Gas bezahlen sollen?" Die Stadtwerke machten satte Gewinne. Der Einkaufspreis der Vorlieferanten liege bei zwei Cent pro Kilowattstunde, der Endverbraucher zahle zwischen sechs und 6,5 Cent.

Der Vorsitzende des 10 000 Mitglieder zählenden Energieverbraucherbundes riet, die Preiserhöhungen nicht zu zahlen. Die Kunden müssten prüfen können, ob diese Erhöhungen den Grundsätzen der Billigkeit entsprächen. "98 Prozent aller Kunden zahlen. Viele trauen sich nicht, zu protestieren. Das ist falsch." Angst, den Gashahn zugedreht zu bekommen, müsse man nicht haben. Dies lasse eine Rechtssprechung des Bundesgerichtshofes von 2003 nicht zu. Unter den zahlreichen Beiträgen der Zuhörer war auch die des Neussers Dr. Friedrich-Wilhelm Fernau, einem der "Boykotteure". Er ist sich sicher, "dass in Neuss nichts erreicht wird, wenn wir keinen Druck machen".

(NGZ)