Neuss: Künstlerische Bedenken gegen Komödie

Neuss : Künstlerische Bedenken gegen Komödie

Das Landestheater setzt Katka Schroths Inszenierung von "Noch ist Polen nicht verloren" ab. Derzeit gibt es noch keinen Ersatz. Rund 60 Zuschauer konnten einen Teil der Produktion sehen - bei einer Soirée am vergangenen Freitag.

Der Zeitpunkt spricht dafür, dass eine Einigung nicht in Sicht war. Nur einen Tag vor der ursprünglich heute geplanten Premiere der Komödie "Noch ist Polen nicht verloren" von Jürgen Hoffmann nach dem Film "Sein oder Nichtsein" von Ernst Lubitsch hat die Theaterleitung mit Intendantin Bettina Jahnke und Verwaltungsdirektor Dirk Gondesen das Stück offiziell abgesetzt. "Wegen unterschiedlicher künstlerischer Auffassungen der Theaterleitung und des Regieteams", so heißt es in einer gestern veröffentlichten offiziellen Stellungnahme des RLT. Man habe "so entschieden, um das gewachsene Vertrauen des Publikums in die künstlerische Linie des Hauses nicht zu enttäuschen".

Damit steht das Theater ohne Komödie da. Fast traditionell gehört es nämlich zum Spielplan der Bühne, eines der zwölf neuen Stücke pro Saison im sogenannten leichten Fach anzusiedeln. Das müssen keineswegs auch leichte Stoffe sein – wie eben auch bei "Noch ist Polen nicht verloren". Denn das Stück ist eher eine Groteske, erzählt von einer Theatertruppe in einer polnischen Stadt, die an einer Nazi-Parodie arbeitet, als die deutsche Wehrmacht ihr Land besetzt. Schnell wird "Hamlet" auf den Spielplan gesetzt, aber als Hitlers Schergen das Theater besetzen, erweisen sich die alten Nazi-Kostüme als wohlfeiles Mittel, um die echten Nazis zu narren und die Schauspieler zu retten.

"Eigentümlich" – so beschreibt Jochen Rulfs seinen Eindruck zumindest vom ersten Teil der Inszenierung, den er bei einer Soirée am vergangenen Freitag erlebt hat. Der Vorsitzende des RLT-Fördervereins gehört zu den rund 60 Besuchern der Veranstaltung, die jetzt in der Lage sind, zumindest ein eingeschränktes Urteil fällen zu können. Rulfs zeigte sich gestern zwar überrascht, dass die Produktion komplett abgesagt wurde, sagt aber auch: "Es gab große Irritation – und nicht nur bei mir."

Die bezieht er vor allem darauf, dass die verschiedenen Ebenen der Handlung für den Zuschauer nicht erkennbar gewesen seien. Da gibt es in dem Stück die Schauspieler, die die Nazis spielen, um den eigenen Kopf zu retten, und es gibt die echten Nazis – "aber wer wann wer war, konnte man nicht erkennen", sagt Rulfs. Wobei er auch einschränkt: "Wer den Film von Ernst Lubitsch kennt, kam damit besser zurecht, aber ich zum Beispiel kenne ihn nicht", sagt er. Gleichwohl hat dieser erste Blick auf die Produktion bei ihm auch eine große Spannung und Neugier ausgelöst: "Ich habe mich auf die Premiere gefreut, wollte wissen, ob und was da geändert wird." Denn dass sich da was ändern musste, um das Publikum zu erreichen, sei ihm auch schnell klarwesen. "Man konnte auf 50 Gesichtern Fragezeichen sehen", sagt er.

Für einen Theaterchef ist die Absetzung eines Stücks immer ein Fiasko. Ein so späte erst recht und vor allem für ein Landestheater, das seinen Spielplan extrem eng disponiert und darauf angewiesen ist, seine Stücke in andere Städte und Gemeinden zu verkaufen. Dass Theaterproduktionen innerhalb eines Hauses zu heftigen Reibungen führen, ist indes nichts Neues. So hat es auch am RLT aus diesem Grund schon mitten in einer Produktion einen Regisseurwechsel gegeben ("Ein Käfig voller Narren"). Für diese Option war es jetzt wohl zu spät.

(NGZ)
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