Neuss: Künstler erforschen die Räume der Raketenstation

Neuss : Künstler erforschen die Räume der Raketenstation

Künstler des Projekts Hombroich: Summer Fellows stellten sich und ihre Arbeit auf der Raketenstation vor. Kurator ist dieses Jahr ein Tänzer.

In einem waren sich alle diesjährigen "Summer Fellows" völlig einig: die Raketenstation Hombroich und die hinter ihr stehende Stiftung sind eine großartige Einrichtung. 16 Künstler aus den Bereichen Tanz und Performance haben derzeit die Möglichkeit, dort zwei Wochen lang ohne Projektzwang zu arbeiten. Sie wohnen gemeinsam im Gästehaus "Kloster" auf dem Gelände.

Eine gute Woche lang können internationale Künstler die Orte und Gebäude auf der Raketenstation für sich und ihre Arbeit nutzen. Foto: Miroslav ivanov

Seit 2012 findet das von Katharina Hinsberg entwickelte Konzept in Hombroich statt. Kurator der Tagung ist jeweils ein ehemaliger Fellow, der mit der Raketenstation vertraut ist. In diesem Jahr ist es Sasa Asentic, Performance-Künstler, Choreograph und Autor aus Bosnien-Herzegowina. Er lässt seinen Kollegen alle Freiheiten, kommt aber einmal täglich mit ihnen für eine Gesprächsrunde zusammen.

Diese Runde in der Veranstaltungshalle war am Samstag auch für interessierte Besucher offen. Wer der auf Englisch geführten Debatte zuhörte, bekam einen interessanten Einblick in die Biografien, Konzepte, aber auch Probleme der internationalen Künstler. Es wurde deutlich, dass sich ihre Wege immer wieder in den gleichen Ländern und Städten kreuzen.

In Deutschland ist Berlin der Favorit, in Frankreich Montpellier, aber auch Paris. Für Heiterkeit sorgte die Erwähnung des Landes Schweden. Dort durfte ein Kollege neun Jahre lang eine Performance zeigen, die er immer wieder "unfinished project" nannte.

Die skandinavischen Gastgeber sind offensichtlich als großzügig bekannt. In den anderen Ländern allerdings ist die von den Künstlern kritisch bewertete Abfolge stets die Gleiche: man bewirbt sich für ein ausgeschriebenes Projekt, legt eine möglichst eindrucksvolle Biografie bei, und erklärt, was man vorhat.

Da die Erwartungen der Veranstalter nur selten auf etwas Neues, Unerhörtes oder nie Gesehenes gerichtet sind, werden die gezeigten Arbeiten in der Folge immer ähnlicher. "We are all here playing the game" (Wir alle spielen das Spiel mit), hieß es etwas resigniert in der Runde.

Das beklagt auch der Kurator Sasa Asentic. Er geht sogar so weit anzuregen, dass man bei Bewerbungen den "mainstream", also das Erwartete, versprechen sollte, um dann mit etwas Neuartigem zu überraschen. Das Risiko ist ihm bewusst: Wenn die Sache schiefgeht, wird dieser Künstler zukünftig kaum noch Auftritte haben.

Dabei ist allein die Bandbreite der Hombroicher Summer Fellows so groß, dass man aus dem Staunen kaum herauskommt. Da ist beispielsweise der Iraner Mohamad Abbasi. In seinem Heimatland stand in der Folge der Mohamed-Karikaturen fast alles auf dem Index, was als Westlich galt. Sogar das Wort "Tanz" wurde ersetzt. Man sprach nunmehr von "Harmonie und Bewegung". Abbasi organisierte Untergrund-Workshops und ein "unsichtbares" Zentrum für zeitgenössischen Tanz.

Eine Künstlerin der Extraklasse ist auch Jule Flieri. Im Abraham-Gebäude zeigte sie mit ihrer 20-minütigen Performance, was "somatische Stimme" bedeutet. Nach dem Motto "Die Stimme ist der Muskel der Seele" geht es bei Flieri um das Erforschen von Stimmfarben, um Verbindung zum Körper und zu inneren Bildern.

Bei dem venezolanischen Tänzer Marlon Barrios Solano lässt es sich kaum vermeiden, über Politik zu reden. Zwar lebt er überwiegend in den USA, doch die Telefonate mit seiner Familie und deren Überleben in der Maduro-Krise lassen ihn fast verzweifeln.

Der zweite Tag der offenen Tür findet am Mittwoch, 2. August, statt. Interessenten können sich unter www.inselhombroich.de über das Programm informieren.

(NGZ)
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